Menschenrechtsverletzungen > Massaker  
   

Algerischer Geheimagent packt aus: Islamische Zellen in Frankreich infiltriert, "terroristische" Attentate organisiert, Parlamentsabgeordnete bestochen. Geheimagent, der in Großbritannien einen Asylantrag gestellt hat, enthüllt, wie die Sichtweise Europas über den blutigen Bürgerkrieg in seinem Land manipuliert wird.

"Wir bombten in Paris für Algerien"

von John Sweeney und Leonard Doyle, The Observer, 9. November 1997
Übersetzung aus dem Englischen: algeria-watch

Bomben in Paris, Hilfe für Saddam Husseins Programm zur Produktion von Massenvernichtungswaffen, das Terrorregime zu Hause - heute wird Algeriens Geheimpolizeistaat von einem seiner eigenen Mitglieder der Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezichtigt.

"Yusuf - Josef" war Berufsgeheimagent in Algeriens "Securité Militaire", bis er sich nach Großbritannien absetzte, die tiefsten Geheimnisse über die Beziehungen des Regimes mit Saddam im Gepäck. Seine Frau und Kinder waren am Ende. Zweieinhalb Jahre später warten sie noch immer auf politisches Asyl.

"Josef" verbrachte 14 Jahre als Teil des algerischen Polizeiapparates. In einer Gulag-Folterkammer sah er "ein menschliches Auge auf einem Tisch liegen, im Auge eine Gabel".

Jetzt riskiert er seine Ermordung wegen seiner öffentlichen Äußerungen. Er sagte:

Die Bomben, die Paris 1995 schockierten - muslimischen Fanatikern zugeschrieben -, waren das Werk des algerischen Geheimdienstes. Sie waren Teil eines ausgeklügelten geheimen Propagandakrieges ("psychologische Kriegführung"),der darauf abzielte, die französische öffentliche Meinung gegen die Islamisten aufzubringen.

Der algerische Polizeiapparat versteckt Material für Saddams nukleares, chemisches und biologisches Kriegsprogramm. Geheimdienstagenten beider Länder kooperieren miteinander, um die Sanktionen der Vereinten Nationen gegen den Irak zu vereiteln.

Die grausamen Massaker in Algerien sind das Werk der Geheimpolizei und der Todesschwadronen der Armee.

Es gehört zur Routine algerischer Geheimdienstagenten, europäische Polizisten, Journalisten und Parlamentsabgeordnete zu bestechen. Josef sagte, er habe einem französischen Parlamentsmitglied, dessen Name aus rechtlichen Gründen nicht genannt werden kann, mehr als 500 000 Francs Bestechungsgeld gezahlt.

Die Morde an zahlreichen Ausländern, einschließlich eines britischen Ölarbeiters und sieben italienischer Seeleute, deren Kehlen aufgeschlitzt wurden, wurden von der Geheimpolizei organisiert, nicht von islamischen Extremisten.

 

Josef, ein angespannter, blasser und ernster Mensch schilderte dem Observer die geheimsten Machenschaften des algerischen Polizeistaates. Er enthüllte, daß der anhaltende Terror, in dem die Zivilbevölkerung lebt, von zwei schattenhaften Gestalten dirigiert wird, die mächtiger sind als der nominelle Präsident, General Liamine Zeroual.

Der Polizeistaat wird als das Privatgut zweier Männer betrieben: Mohammed Mediane, Codename "Tewfik", und General Smain Lamari, die am meisten gefürchteten Namen in Algerien. Sie sind respektive Führer des algerischen Geheimdienstes Direction du Renseignement et de la Sécurité (DRS) und dessen Unterabteilung Direction Contre Espionage (DCE). "[Präsident] Zeroual ist nur die Kirsche auf dem Kuchen," sagte Josef. "Tewfik ist bedeutend wichtiger und Smain ist sein Handlanger."

Seit dem Militärputsch 1992 nach dem ersten Wahldurchgang, in dem die Islamische Heilsfront (FIS) dazu bestimmt wurde, die Macht zu übernehmen, eskalierte die Gewalt und machte Algerien zum gefährlichsten Land der Welt.

Das Gemetzel in Algerien und die Bomben in Frankreich wurden einer Gruppe muslimischer Fanatiker, der Bewaffneten Islamischen Gruppe (GIA) angelastet. Josef sagte: "Die GIA ist ein reines Produkt von Smain´s Geheimdienst." Seine Aussage wird bestärkt durch einen ehemaligen Diplomaten, Mohammed Larbi Zitout, Nummer zwei der algerischen Botschaft in Libyen bis er sich nach Großbritannien absetzte.

"Ich pflegte, alle geheimen Telexe zu lesen," sagte Josef. "Ich weiß, daß die GIA von der Regierung infiltriert und manipuliert wurde. Die GIA ist durch die Regierung vollständig umgedreht worden."

Josef sagte, daß Geheimagenten, die aus Algerien einflogen und von Smain geschickt wurden, "mindestens" zwei der Bombenanschläge im Sommer 1995 in Paris organisierten, bei denen mehrere Menschen getötet und ein Brite verletzt wurden. Die Operation wurde durchgeführt von Oberst Souames Mahmoud, alias Habib, Leiter des Geheimdienstes in der algerischen Botschaft in Paris. Josef nahm nicht an der Bombenkampagne teil.

Zwei Männer wurden später von der französischen Polizei gefaßt. Einer, Khaled Kelkal, wurde kaltblütig erschossen, vor laufender Kamera. Der zweite, Karim Moussa, wurde gefangengenommen, verwundet. Seitdem ist er verschwunden, und die französischen Behörden unterließen es zu erklären, was mit diesem meistgesuchten Verdächtigen geschehen ist.

Josef sagte, daß Tewfik und Smain einige von Algeriens Öl- und Gasmilliarden ausgaben, um Politiker und Sicherheitsbeamte in Europa zu bestechen. Josef sagte: "Ich selbst überbrachte einen Koffer mit 500 000 Francs einem französischen Parlamentsabgeordneten, der gute Beziehungen zum französischen Geheimdienst unterhält."

Der französische Abgeordnete, der bei den letzten Wahlen seinen Sitz verlor, ist ein bekannter Verteidiger des algerischen und irakischen Regimes.

Die Macht der Sécurité Militaire ist derart, daß sie einen Präsidenten ermordete, sagte Josef. Auf Präsident Mohammed Boudiaf wurde im Juni 1992 ein Attentat verübt, von Leuten aus dem Machtapparat, le Pouvoir. Er bekam davon Kenntnis, weil zwei der Mörder Kollegen in der Sécurité Militaire waren.

"Boudiaf wurde umgebracht, weil er sehr heikle Akten über korrupte Generäle besaß. Die Generäle hatten durch Korruption Millionen gemacht, die sich auf Schweizer Bankkonten befinden. Boudiaf startete eine Untersuchung. Dies wurde von 15 Unteroffizieren ausgeführt."

Zwei der 15 - einer von ihnen bekannt als Kommandant Mokhtari - "sind jetzt tot". Fatiha Boudiaf, die Witwe des Präsidenten, sagte letzte Woche: "Boudiaf wußte, daß er von denen ermordet werden würde, die ihn an die Macht gebracht hatten" - eine verdeckte Anspielung auf die Geheimpolizei.

Josef sagte, daß die Massaker, bei denen seit dem Beginn des Bürgerkriegs 1992 Zehntausende von Algeriern umgebracht wurden, von den Todesschwadronen des Regimes verübt wurden. "Le Pouvoir steckt hinter den Massakern und zudem hinter weiteren Morden. Damit die Herrschaft der Angst aufrechterhalten bleibt," sagte er.

"1992 gründete Smain eine Spezialtruppe, L’Escadron de la Mort [Todesschwadron]. Eine ihrer Hauptaufgaben war anfänglich die Ermordung von Offizieren und Obersten."

"Die Todesschwadronen gehören zur GIS, Groupe d’Intervention Spéciale. Die Todesschwadronen organisieren die Massaker. Falls jemand innerhalb der Mordmaschine zögert, zu foltern oder zu töten, wird er automatisch ermordet."

"Betrachte, wo die Massaker stattfinden - in einem 75 Quadratmeilen großen Block in der Mitidja-Ebene, einer FIS-Hochburg und dem ertragreichsten Land Algeriens. Die Regierung ist dabei, das Land zu privatisieren."

"Nicht die FIS begeht die Massaker. Alle Geheimdienste Europas wissen, daß es die Regierung ist, aber sie schweigen, da sie ihre Ölversorgung sichern wollen."

Von den 100 in Algerien ermordeten Ausländern, sagte Josef, wisse er, daß ein britischer Ölarbeiter, Alan Wilson, ein bei British Gas angestellter Rohrleger aus Edinburgh, umgebracht worden war, weil die britischen Behörden nicht genügend Unterstützung für die algerische Regierung bei der Verfolgung islamischer Extremisten in London geleistet hätten.

Josef führte eine Greueltat an, bei der im Juli 1994 sieben italienischen Seeleuten die Kehlen aufgeschlitzt wurden - die Algerier nennen es "das große Lächeln". Die sieben Männer auf dem italienischen Schiff Lucina wurden im neuen Hafen von Jenjen ermordet, in der Nähe von Jijel, 150 Meilen östlich von Algier. Er sagte: "Es war ein wohlüberlegter Akt staatlicher Politik, die italienischen Seeleute umzubringen, um die Schuld den muslimischen Fundamentalisten zuzuschieben. Clinton traf am nächsten Tag die G7 in Italien."

Josef sagte, er sei Zeuge von Folter geworden: "Ich sah den Einsatz der Lötlampe in Châteauneuf. Der Geruch ist widerlich. Sie bezeichnen es mit einem algerischen Wort. Wenn man ein Lamm schlachtet, wird die Wolle versengt. Es hat einen ganz bestimmten Geruch nach verbranntem Haar und Fleisch, bouzalouf, Geruch von verbrannter Wolle und Fleisch."

Aber die Lötlampe war nicht das Schlimmste. "Ich sah in Antar, einer Folterzentrale in der Nähe des Zoos von Algier, ein menschliches Auge auf einem Tisch mit einer Gabel darin. Ich sah Verhöre in denen sie drohten ‚rede oder wir werden deine Tochter ficken‘, die nur 14 Jahre alt war. Ich verbringe nur sehr selten eine ruhige Nacht...ich habe schreckliche Alpträume."

Er beschrieb die Elektrofolter, die er gesehen hatte: "Sie ketten eine Person an ein Bett ohne Matratze, nur die Federn. Dann nehmen sie ein geladenes Elektrokabel und berühren die Person" - er machte eine zischende Bewegung, wobei seine rechte Hand mit einem Schlag heruntersauste: "Dak", hin und her, "dak", hin und her, "dak", usw.: "dak, daaaaaaaaaaak." Er hielt seinen Arm nach vorn, um anzudeuten, daß der Strom auf dem Körper bleibt.

"Wenn Smain zum Folter-Zoo ging, sagten meine Kollegen: 'Der Boss ist da. Er arbeitet.' Das bedeutete, er überwachte die Folter persönlich."

Vier Kinder starben, als letzte Woche eine Bombe in einem leerstehenden Haus im Westen Algeriens explodierte, berichtete gestern die algerische Tageszeitung Al-Khabar. Sie berichtete auch, daß eine weitere Bombe in Algier eine Person getötet hat. Fünf Zivilisten sind südwestlich der Hauptstadt abgeschlachtet worden. Die Zeitung beschuldigte "islamische Extremisten".

 

 

Infomappe 3

 

 
Druckversion
 
www.algeria-watch.org