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Algerische Geheimdienste in die Attentate in Paris verwickelt

Laut Berichten von Algeriern, die von sich behaupten, Verantwortliche der Geheimdienste zu sein, sollten die Attentate die französische öffentliche Meinung gegen die Islamisten aufbringen

Von Jean-Pierre Tuquoi, Le Monde, 11. November 1997
Übersetzung aus dem Französischen: algeria-watch

Sind die algerischen Geheimdienste für die im Laufe des Sommers 1995 in Frankreich verübten Attentate verantwortlich? Muß man ihnen die Massaker an mehreren Hundert Zivilisten vor den Toren Algiers anlasten? Die britische Wochenzeitung The Observer bestätigt dies in ihrer Ausgabe vom 9. November, indem sie sich auf die Enthüllungen eines Mannes stützt, der als ehemaliger Verantwortlicher des Geheimdienstes (Sécurité Militaire) vorgestellt wird. Unter dem Namen "Joseph" behauptet der algerische Verantwortliche, der von The Observer zitiert wird, daß der Mord an mehreren Europäern in Algerien im Gegensatz zur offiziellen Version das Werk des algerischen Geheimdienstes sei und nicht der Islamisten. Diese Behauptungen werden von den Erklärungen eines mutmaßlichen Verantwortlichen der Direction du Renseignement et de la Sécurité (Geheimdienst) an Le Monde bestätigt.

Le Monde hat die Enthüllungen eines mutmaßlichen Verantwortlichen der Direction du Renseignement et de la Sécurité erhalten. Wenn dieser Mann, der sich als Oberoffizier vorstellt, akzeptiert hat, stundenlang - unter Wahrung der Anonymität - zu sprechen, dann nicht - versichert er - um politisches Asyl zu ersuchen. Er hat beschlossen, in seinem Land zu bleiben und nicht von seinem Posten zurückzutreten. Was er will - sagt er -, ist, daß das System sich von Innen heraus verändert.

"Wir sind eine Gruppe von Offizieren, die etwas verändern wollen. Da ein Staatsstreich unmöglich ist und die algerische Presse der Regierung zu Gebote steht, wenden wir uns an die westliche öffentliche Meinung. Unser Schritt folgt einer überlegten Strategie."

"In Algerien haben alle Blut an ihren Händen. Wir schämen uns, gefolterte Menschen zu sehen. Wir sind Mörder geworden im Dienste einer Kaste von Geschäftsmännern, die die militärische Institution aushöhlen. Sie wollen alles: das Erdöl, die Kontrolle über die Einfuhren, die Immobilien... Wir, die Militärs, wir sind keine Barbaren. Unsere Mission, so wie sie uns beigebracht wurde, ist die Verteidigung des Vaterlandes und der Republik. Nicht derjenigen, die sich die Taschen füllen", klagt er an.

Der Mann, der sich "Hakim" nennen läßt, bestätigt die Aussagen seines Kollegen an The Observer. Er lehnt es jedoch ab, über ein Thema zu sprechen: die vermutete Komplizität zwischen dem Irak und Algerien, das einige Elemente des nuklearen, chemischen und bakteriologischen Programms Bagdads versteckt haben soll. "Ich will nicht den westlichen Geheimdiensten in die Hände spielen", verteidigt er sich.

Manchmal ergänzt "Hakim" sehr genau die Informationen, die von seinem Kollegen dem The Observer mitgeteilt wurden. So auch über die in Frankreich im Sommer 1995 verübten Attentate: "Ich bestätige, daß die Attentate von Saint Michel [8 Tote und über 130 Verletzte, am 25. Juli 1995] und Maison-Blanche [13 Verletzte, am 6. Oktober 1995, am Tag der Beerdigung von Khaled Kelkal, Hauptverdächtiger des mißlungenen Attentates auf den TGV Paris-Lyon] auf Veranlassung des Service Action de la Direction Infiltration et Manipulation (DIM) der DRS verübt wurden, die von Mohamed Mediene, bekannter unter dem Namen "Toufik", und General Smain Lamari geführt werden".

"Zu der Zeit befürchtete der algerische Geheimdienst, daß sich in Frankreich Beziehungen knüpfen könnten zwischen Emigranten, die bekannt sind für ihre kabylischen (berberischen) Sympathien, und islamistischen Führern, die mehrere Berber zu sich zählen. Die französischen Behörden mußten Maßnahmen ergreifen, die diese Annäherung verhindern sollten, da, falls diese gelingen sollte, die Gefahr bestünde, daß die Kassen der Islamisten sich füllten und die Versorgung der Maquis mit Waffen erleichtert würde. Man konnte auch hoffen, daß sich die emigrierte Gemeinschaft, die sich von unseren französischen Kollegen beobachtet wußte, von den algerischen Ereignissen fern halten würde."

Der damalige französische Innenminister Charles Pasqua war mit einer Kooperation mit den Algeriern einverstanden, auch wenn er seit der vorgetäuschten Entführung der Eheleute Thévenot und Alain Freyssier, Angestellte des französischen Konsulats, am 24. Oktober 1993 in Algier - "während sie in den Händen Islamisten hätten seien sollen, wurden sie in Wirklichkeit in einer Kaserne in Hussein-Dey in einem Vorort von Algier festgehalten" - dem algerischen Geheimdienst mißtraute.

Die öffentliche Meinung mußte gewonnen werden, indem die Islamisten diskreditiert werden. Daher die Attentate in Paris, die in Algier entschieden wurden, sagt "Hakim". "Der Kopf der beiden Attentate", erklärt er, "ist Boualem Bensaid." In Frankreich inhaftiert, ist dieser dreißigjährige islamistische Student "ein algerischer Militär, Mitglied des Service 'Action'. Er war derjenige, der zwischen Algier und Europa pendelte, um in Kontakt zur GIA zu treten. Und er ist es, der ihnen den Auftrag über diese Attentate erteilt hat".

Djamel Zitouni unter Kontrolle

Der Fall von Djamel Zitouni, der Chef der GIA (Groupes Islamiques Armés, Islamische Bewaffnete Gruppen) veranschaulicht laut "Hakim" die Manipulationsfähigkeit des Geheimdienstes. Djamel Zitouni, der als größter Feind dargestellt wird, ist eine Kreation der ehemaligen Sécurité Militaire. "Er wurde 1991 in einem Sicherheitslager im Süden Algeriens [Tausende von Islamisten waren von der Armee im Süden eingesperrt worden] rekrutiert. Wir haben ihm geholfen, die Leitung der GIA zu übernehmen. Zitouni war derjenige, der uns in unserem Krieg gegen die GIA die wichtigste Information gab. Er hat uns gesagt, wo Mourad Si Ahmed Mourad, der gefährlichste Mann der islamistischen Bewegung, sich befindet". Seitdem ist Djamel Zitouni wirklich tot, versichert "Hakim": "Er stand unter unserer Kontrolle bis zu der Sache mit dem Kloster von Tibéhirine [März-Mai 1996]. Die Mönche sollten – ich weiß nicht, ob tot oder lebendig – gefunden werden, in dem Geburtsort eines islamistischen Chefs, dem die Verantwortung dieser Entführung übertragen werden sollte. Aus Gründen, die ich nicht kenne, hat Zitouni diesen Auftrag nicht erfüllt. Also wurde er liquidiert."

Daß einige Offiziere beschlossen haben, das Schweigen zu brechen, (...) liegt an dem Massaker an Zivilisten, das am Ende des Sommer stattfand. Und insbesondere an dem Massaker in Beni-Messous (mehr als 200 Tote im September), von dem "Hakim" überzeugt ist, daß es vom Geheimdienst verübt wurde. "Es sind mindestens ein halbes Dutzend Kasernen in der Nähe. Es gab eine Straßensperre. Sie wurde ganz zufällig aufgehoben. Die Militärs, die intervenieren wollten, wurden daran gehindert. Die Gruppe, die dieses Massaker verübte, hat einen seit Jahren inhaftierten Islamisten mit sich geführt, damit dieser von der Bevölkerung wiedererkannt wird".

"Unser Timisoara"

Die Massaker von Bentalha und Rais sind nicht vom Regime verübt worden, sondern von "verlorenen Elementen der GIA, die vom Geheimdienst manipuliert werden", bekräftigt "Hakim". Er erwähnt auch das Beispiel der Wiedereroberung von Ouled Allel durch die Armee. Dieses kleine Dorf, das nur Schritte von Algier entfernt liegt, wurde 1995 von seinen Bewohnern verlassen auf Befehl der GIA, die ihren Stützpunkt daraus gemacht haben sollen. "Ouled Allel, das ist unser Timisoara. Eine riesige Lüge", erklärt er. "Man hat behauptet, die GIA hätte zwei Wochen Widerstand geleistet. Als wenn die algerische Armee es auf die feine Tour machen würde. Die Mitglieder der GIA, die schossen, waren in Wirklichkeit islamistische Gefangene, die nie mit uns kollaborieren wollten. Man hat sie dorthin gebracht, man hat ihnen Waffen gegeben und hat ihnen gesagt: 'Verteidigt euch!'. Die algerische Armee war während der Massaker der Passivität beschuldigt worden: Man mußte ja wohl der Presse etwas anbieten."

 

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