Verschwindenlassen
in Algerien
Initiative
für einer nationale Wahrheits- und Gerechtigkeitskommission
Kollektiv
der Familien der Verschwundenen in Algerien (Übersetzung
Algeria-Watch)
Auf
Initiative des Kollektivs der Familien der Verschwundenen in Algerien
(CFDA, Collectif des familles de disparu(e)s en Algérie) wurde am
28. Februar 2004 in Paris ein Seminar zu folgendem Thema abgehalten: Verschwindenlassen
in Algerien. Auf dem Weg zu einer nationalen Kommission für Wahrheit
und Gerechtigkeit?
Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen brachten ihre Solidarität mit den
Familien der Verschwun-denen und den algerischen Menschenrechtlern in ihrem
Kampf für Wahrheit und Gerechtigkeit zum Ausdruck.
Sie klagen die Missachtung an, die ihren Forderungen nach Freiheit,
Gerechtigkeit und Würde fortwährend entgegenschlägt.
Sie betonen die Verpflichtung des algerischen Staates, das internationale
humanitäre Recht und die Menschenrechte zu respektieren, zur Geltung
zu bringen und anzuwenden.
Diese Verpflichtung umfasst insbesondere:
- die schweren Menschenrechtsverletzungen und insbesondere die Fälle
von Verschwindenlassen aufzuklären;
- Untersuchungen über die Menschenrechtsverletzungen anzustrengen
und gegebenenfalls Maß-nahmen gegen die Urheber dieser Menschenrechtsverletzungen
zu ergreifen entsprechend der vom algerischen Staat unterzeichneten internationalen
Abkommen;
- einen wirksamen Zugang der Opfer zu einer unabhängigen Justiz zu
gewährleisten;
- den Opfern angemessene juristische und andere Hilfen bereitzustellen;
- Entschädigungsleistungen für die Opfer zu gewährleisten.
Die Versammlung hat die Gründung eines Arbeits- und Planungsausschusses
in Zusammenarbeit mit dem Kollektiv der Familien der Verschwundenen in
Algerien beschlossen. Seine Aufgaben sind:
- Vorbereitung von regionalen, nationalen und internationalen Kampagnen
gegen die Menschen-rechtsverletzungen und insbesondere das Verschwindenlassen;
- Untersuchung der Voraussetzungen für die Einrichtung einer Wahrheits-
und Gerechtigkeits-kommission.
Paris, den 28. Februar 2004
Teilnehmer und Erstunterzeichner:
Samia Aïdaoui (sœur de disparu), Salim Aïdaoui (famille
de disparu), Hocine Aït Ahmed (prési-dent du FFS), Abdennour
Ali Yahia (président LADDH), Reda Amrouche (frère de disparu),Yahia
Assam (défenseur des droits de l’Homme), Abdeslam Belmokhtar
(frère de disparu), Sadia Belmokh-tar (mère de disparu),
Zaïma Benachour (CFDA), Madjid Bencheikh (jusriste), Omar Benderra
(ancien président de banque), Rabah Benlatreche (président
de l’association régionale de Constantine des fa-milles de
disparus), Abdelhamid Brahimi (ancien chef du gouvernement), Sofiane Chouiter
(avocat des familles), Ahmed Dahmani (économiste), Kamel Daoud (président
ADHT), Yahia Djafri (univer-sitaire), Nassera Dutour (CFDA), Khadija El
Mahdi (artiste), Fatima Gallaire (écrivain), Badia Hamza Chérif
Gaouar (avocate), Mohamed Harbi (historien), Ghazi Hidouci( ancien ministre
de l’économie), Mouloud Hamrouche (ancien premier ministre)
Amina Kadi (docteur en mathématiques et famille de disparu), Dahmane
Khelil (SOS Disparu), Leïla Khelil (étudiante en droit), Abdelhamid
Mehri (ancien secrétaire général du FLN) Salima Mellah
(Algéria-Watch), Louiza Saker (épouse de disparu) Amine Sidhoum
(avocat des familles), Salah-Eddine Sidhoum (défenseur des droits
de l’Homme), Mohamed Smaïn (LADDH), Ahmed Taleb Ibrahimi (mouvement
El Wafa), Khaoula Taleb Ibrahimi (universi-taire), Fatima Yous (présidente
de SOS Disparu), Nesroulah Yous (président Vérité et
justice pour l’Algérie,
Unterstützt von folgenden Organisationen : ACAT, Centre international
pour une justice transi-tionnelle, LDH, Amnesty International, FIDH, REMDH,
CEDETIM, CCFD, SOLIDA, Hour-rya/Liberté.
P/ le Collectif
Nassera Dutour ---------------------------------
Kollektiv der Familien der Verschwundenen in Algerien
Paris, den 16.
Juli 2004
Liebe Freunde
und Freundinnen,
wir danken Ihnen hiermit für die positive Aufnahme unseres Aufrufes
und die Unterzeichnung unserer Petition für die Unterstützung
der Familien der Verschwundenen in Algerien, die bislang an-nähernd
3000 Unterzeichner fand, darunter 1000 Familien, und informieren Sie über
den Fortgang unserer Aktion.
Auf der Grundlage des Beschlusses des vom Kollektiv der Familien
der Verschwundenen in Algerien organisierten Seminars am 28. Februar
2004
wurde am 11. Mai 2004 ein Arbeits- und Planungsausschuss über
das Verschwindenlassen in Algerien gegründet.
Dieser Ausschuss, dem Persönlichkeiten der Politik, Intellektuelle
und Menschenrechtsaktivisten angehören, hat sich zum Ziel gesetzt,
die Vereinigungen der Familien der Verschwundenen zu unterstützen,
die Aufklärung über die Umstände der Entführungen
ihrer Familienangehörigen fordern, um gerichtliche Schritte
einleiten zu können.
Die Mitglieder des Ausschusses besprachen bei dieser Gründungsversammlung
die Arbeitsweise der Arbeitsgruppe, erörterten die Frage der
Schaffung einer "Wahrheits- und Gerechtigkeitskommission" und
planten die Durchführung von Seminaren in Algerien.
Am 20. Juni 2004 versammelten sich als Reaktion auf Äußerungen
des Staatspräsidenten Abdelaziz Bouteflika, die am 6. Juni in
der Zeitung "El chourouk el youmi" veröffentlicht
wurden, 350 Familien vor dem Präsidentenpalast, um dem Staatspräsidenten
die Unterschriftenliste zu übergeben und ihre Meinungsverschiedenheit
zum Ausdruck zu bringen.
In diesem Zeitungsartikel behaupten "gut informierte Kreise",
dass Abdelaziz Bouteflika die Entscheidung getroffen habe, eine nationale
Kommission zur Untersuchung der dem Innenministerium vorgelegten
Fälle
der Verschwundenen einzurichten und vorrangig jene Fälle zu
bearbeiten, in denen staatliche Dienste erwähnt werden, und
die Familien mit 14 Millionen Dinar zu entschädigen.
Die "gut informierten Kreise" geben zu verstehen, dass die
Kommissionen bei der Durchführung der Ermittlungen allerdings auf
ein Problem der Wortwahl bezüglich des rechtlichen Begriffes stoßen
werden, der verwendet werden soll, um die Erwähnung von eventuell
darin verwickelten staatlichen Diensten zu vermeiden.
Die Entschädigungszahlungen sollen Ende Juni 2004 aufgenommen werden,
aber bislang haben die Vereinigungen der Familien der Verschwundenen
keine Kenntnis von tatsächlich geleisteten Entschädigungszahlungen.
Das Kollektiv der Familien der Verschwundenen wird Sie weiterhin über
die Aktivitäten des Arbeits- und Planungsausschusses zum Verschwindenlassen
und über die Reaktionen der algerischen Behörden in der Frage
des Verschwindenlassens informieren.
Im Namen des Kollektivs
Nassera Dutour
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