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Die Trauer schlägt in Wut um

Algerien: Kaum noch Hoffnung auf Überlebende des Erdbebens - Vorwürfe gegen Behörden

Von Kim Housego, Berliner Morgenpost, vom: 24. Mai 2003

Boumerdes - Zwei Tage nach dem verheerenden Erdbeben in Algerien haben die Rettungskräfte die Hoffnung auf Überlebende fast aufgegeben. Die Zahl der Opfer stieg gestern erheblich: Das algerische Innenministerium sprach von mindestens 1500 Toten und mehr als 7200 Verletzten an. Tausende Menschen wurden obdachlos und verbrachten die Nächte nach dem Beben am Mittwoch im Freien. Vielerorts schlug die Trauer in Wut auf die Behörden um, die nach Aussagen Betroffener zu langsam auf die Katastrophe reagierten.

In der besonders schwer betroffenen Stadt Boumerdes versuchten die Retter gestern nicht mehr, Stimmen von Verschütteten zu hören, sagte der Leiter des Einsatzes, Saa Sayah. Stattdessen ließen sich die Teams vom Leichengeruch zu den Opfern führen. Aus einem zusammengebrochenen vierstöckigen Gebäude wurden vier Leichen geborgen. Schweizer Helfer fanden in den Trümmern eines anderen Hauses die Leiche eines zwölfjährigen Mädchens. In der Ortschaft Corso forderten die Einwohner mehr Hilfe von den Behörden. "Wir haben nur unsere Hände und Hämmer", sagte der 42-jährige Ismail Lizis. "Es gibt kein Zeichen der örtlichen Behörden. Wir brauchen schweres Gerät."

Die Rettungskräfte versuchten teilweise mit bloßen Händen, die Trümmer der eingestürzten Gebäude beiseite zu räumen, unter denen noch viele Opfer vermutet wurden. Teilweise wurden ganze Familien ausgelöscht. In Boumerdes, rund 50 Kilometer östlich von Algier, waren die Freiwilligen von der stundenlangen Suche in den Trümmern erschöpft. In Parks wurden Zelte für Frauen und Kinder aufgestellt, die Polizei errichtete Straßensperren, um Plünderungen zu verhindern. In Algier waren einige Stadtteile ohne Strom, Telefonleitungen waren unterbrochen. Die Behörden riefen zu Blutspenden für die Verletzten auf. Internationale Hilfsorganisationen brachten Lebensmittel und Medikamente auf den Weg. Die EU-Kommission koordiniert die internationale Hilfe.

Die deutschen Einsatzkräfte des Technischen Hilfswerks (THW) begannen mit den Sucharbeiten. Gemeinsam mit örtlichen Kräften und Helfern von Deutschem Rotem Kreuz sowie des Luxemburger und Schweizer Zivil- und Katastrophenschutzes nahmen die 25 Erdbebenspezialisten des THW in Boumerdes erste Ortungen auf, wie das Hilfswerk mitteilte. Die Schweizerischen Korps für humanitäre Hilfe (SKH) bewertete die Chancen als gering, noch Überlebende zu retten.

Das Beben könnte Beobachtern zufolge auch politische Folgen für Algerien und Präsident Abdelaziz Bouteflika haben. So zeichnen sich fundamentalistische Gruppen, die über ein Netz von Hilfsorganisationen verfügen, traditionell durch schnelle Hilfe aus. Die Stimmung gegen die Regierung verstärken könnte auch die Tatsache, dass sich viele Algerier schon lange über die schlechte Bauweise der staatlichen Wohnblocks beschwert hatten.

   
www.algeria-watch.org