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Sind die Verhandlungen in Algerien gescheitert?

Sechs Fahrzeuge wurden in der Sahara gefunden. Leben die Geiseln in der Wüste noch?

Neue Presse, 7. Mai 2003

Nach Tagen der Hoffnung im Geiselfall in Algerien scheint sich nun das Blatt gefährlich gewendet zu haben. Angebahnte Verhandlungen mit den Entführern gelten nach Informationen der Neuen Presse derzeit als gescheitert. Die algerische Regierung bekannte inzwischen, dass der Ausgang dieser Entführung von 31 europäischen Touristen höchst ungewiss und „keine Möglichkeit ausgeschlossen“ ist.

„Wir müssen die Öffentlichkeit auf alles vorbereiten“, sagte Mittwoch Innenminister Nouredine Yazid Zerhouni dem algerischen Parlament hinter verschlossenen Türen. „Wir können nicht mit Sicherheit sagen, wie die wirkliche Situation der Urlauber ist.“ Aufgrund der gefundenen Spuren glaube man jedoch, dass „wenigstens ein Teil der Touristen noch lebt“, sagte Zerhouni vorsichtig, „ohne dass wir dafür einen Beweis haben.“

Der Innenminister teilte den Parlamentariern etliche neue Einzelheiten mit. „Wir haben inzwischen sechs Fahrzeuge der Urlauber gefunden.“ Alle zwischen den Oasenstädten Illizi und Tamanrasset. Die 31 verschleppten Urlauber, darunter 15 Deutsche, zehn Österreicher und vier Schweizer, waren mit insgesamt 18 Geländewagen und Motorrädern unterwegs. Alle gefundenen Wracks waren nach den Ministerangaben „ohne Batterie und ohne Treibstoff“.

Auch jede Menge persönliche Gegenstände der Vermissten seien in der Wüste aufgetaucht: Kleidung, Ausrüstungsstücke, Konservendosen und auf Zettel und Felsen gekritzelte Hilfsbotschaften, deren genauer Inhalt nicht bekannt ist.

Zerhouni bestätigte zudem, dass in der fraglichen Wüstenregion die gefährliche Islamistengruppe des berüchtigten „Emirs“ Mokhtar Belmokhtar ihr Unwesen treibt, die als Arm der größten algerischen Terrorbewegung GSPC gilt und in Südalgerien Schmuggelgeschäfte betreibt. Zerhouni, der Verhandlungen mit den Entführern formell dementierte, hatte in den letzten Tagen aufkommende Erwartungen auf ein schnelles Ende der Geiselnahme gedämpft.

Inoffiziellen Informationen aus Algerien zufolge sollen die Chancen auf eine gewaltlose Befreiung der Touristen gesunken sein. DieVerhandlungsmöglichkeiten seien derzeit erschöpft, heißt es, ohne dass konkrete Forderungen bekannt sind. Die Armee, die wenigstens eine von vermutlich mehreren Geiselgruppen lokalisiert habe, belagere nun die Entführer.

Diese Zuspitzung bezeugten auch hochrangige Behördenvertreter in der Wüstenstadt Illizi: Wenigstens elf Urlauber und ihre bewaffneten Kidnapper habe man in einem Versteck südwestlich von Illizi „umzingelt“. Die Gruppe könne sich aus ihrem Lager nicht fortbewegen. Offenbar setzt das Militär nun auf Zeit und darauf, dass den Entführern Trinkwasser und Lebensmittel ausgehe.

Eine weitere Geiselgruppe soll sich weiter südlich, in der Nähe der algerischen Grenze zu Niger befinden. Ob auch dort die Armee die Entführer einkreisen konnte, scheint eher fraglich. Alle hoffnungsvollen Informationen der letzten Wochen bezogen sich auf das Geiselversteck bei Illizi. Im Grenzland zu Niger und Mali verstärkte derweil das Militär seine Operationen, was auf eine noch laufende Suchaktion hindeutet.

Die westlichen Regierungen, die in den Fall eingeschaltet sind, halten sich weiter zurück. Österreichs Außenministerin Benita Ferrero-Waldner ließ aber gegenüber den „Salzburger Nachrichten“ durchblicken, dass die Möglichkeiten des Westens, in den Fall einzugreifen, begrenzt sind. „Leider können wirnicht mehr tun, als den algerischen Behörden zu vertrauen.“

Die Algerier hatten westliche Angebote zur Entsendung weiterer Sicherheitsexperten oder gar von Anti-Terror-Einheiten, etwa aus Deutschland, abgelehnt mit dem Hinweis, dass es sich um eine „innere Angelegenheit des Landes“ handele. Algeriens Innenminister: „Im Moment brauchen wir keine Hilfe.“

ALGIER, VON RALPH SCHULZE

   
www.algeria-watch.org