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"Tauziehen innerhalb des Regimes"

Algerien-Expertin: Kontroverse über Rettung der Sahara-Touristen ist Teil des Wahlkampfes

Berliner Zeitung, 7. Mai 2003

BERLIN, 6. Mai. Machtkämpfe innerhalb der algerischen Elite beeinflussen den Umgang der Führung mit dem Problem der in der Sahara vermissten Touristen, sagt Isabelle Werenfels, Algerien-Expertin der Stiftung für Wissenschaft und Politik in Berlin.
Bisher ist noch nicht klar, ob die Touristen entführt wurden. Doch wenn es so ist - könnten sie sich in der Gewalt islamistischer Gruppen befinden?

In dieser Gegend waren solche Gruppen bisher kaum aktiv. Die Touristen könnten sowohl in der Hand von Banditen als auch von bewaffneten Islamisten sein. Die Grenzen zwischen solchen Gruppierungen sind allerdings fließend. Die islamistische Groupe Salafiste pour la prédication et le combat (GSPC) wird als mögliche Entführerin gehandelt. Sie gehört zu den stärksten noch aktiven bewaffneten Gruppen, agiert im Nordosten des Landes, propagiert den Umsturz des Regimes und hält sich mit Schutzgelderpressung und Banditentum über Wasser. Will man algerischen Medien glauben, so ist die Geldbeschaffung für diese Gruppe in letzter Zeit schwieriger geworden. Gerüchte besagen auch, dass sie mit einer Schmugglerbande zusammenarbeitet, die im Süden des Landes, in der Gegend, in der die Touristen verschwanden, aktiv ist.

Was weiß man über diese Gruppe?

Sie wird von einem Mokhtar Bel Mokhtar angeführt, angeblich ein ehemaliger Offizier der algerischen Armee. Mitte der neunziger Jahre soll er in den Zigarettenschmuggel eingestiegen sein, er soll Sympathien für die Islamisten hegen.

In solchen Situationen taucht meistens das Wort El Kaida auf.

Die algerische Regierung behauptet schon lange, dass es eine Kooperation zwischen der GSPC und El Kaida gibt und dass auch Algerien ein Opfer des internationalen Terrorismus ist. Im vergangenen Herbst wollen die Sicherheitskräfte angeblich im Kampf mit einer GSPC-Gruppe einen Jemeniten getötet haben, der ein hohes El-Kaida-Mitglied gewesen sein soll.

Warum greift die Regierung jetzt nicht zu dieser Erklärung?

Eine Entführung mit islamistischem Hintergrund wäre dem Regime wohl sehr unangenehm. Denn im letzten Jahr haben Armee und Regierung wiederholt erklärt, der Terrorismus im Land sei mehr oder weniger besiegt.

Stimmte das?

Die bewaffneten Gruppen stellen für das Regime tatsächlich keine Gefahr mehr dar. Aber sie existieren und terrorisieren noch immer einen Teil der Landbevölkerung. Davon aber wird international kaum Notiz genommen. Seit Ende der neunziger Jahre wurden eben auch kaum mehr Ausländer umgebracht. Diplomaten und Geschäftsleute sind inzwischen wieder zurückgekehrt, man sieht sie im Straßenbild.

Hatte der vermeintliche Sieg über den Terrorismus positive Folgen für Algerien?

Zweifellos. Algerien war in den 1990er Jahren international isoliert. Grund war der Bürgerkrieg zwischen bewaffneten Gruppen und der brutal vorgehenden Armee. Präsident Bouteflika ist es seit seiner Wahl 1999 aber weitgehend gelungen, das Land aus der Isolation zu führen. Im April 2002 schloss Algerien ein Assoziationsabkommen mit der EU, es gibt eine Annäherung an die Nato.

Wird die Regierung verhandeln?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass es sich die algerische Führung durch voreilige Anwendung von Gewalt mit mehreren europäischen Regierungen verderben will. Sie wird bestimmt versuchen zu verhandeln - zum Missfallen einiger Hardliner unter den Generälen. In Algerien spielen sich derzeit große Machtkämpfe im Vorfeld der Präsidentenwahlen 2004 ab. Am Montag hat der Präsident seinen Premier entlassen, der als möglicher Wahl-Konkurrent gilt. Bouteflika möchte erneut kandidieren, die Armee will ihn aber allem Anschein nach weghaben. Er gilt ihr unter anderem als zu autonom und zu konzessionsbereit gegenüber den Islamisten. Oppositionelle Kräfte im Ausland haben sich sogar zu der eher absurden Behauptung verstiegen, der Geheimdienst habe die Touristen entführt, um Bouteflika zu schaden.

Wie erklärt sich die katastrophale Informationspolitik der Algerier?

Die Regierung will wohl mögliche Verhandlungen nicht gefährden. Zudem scheint es ein Tauziehen innerhalb des Regimes darüber zu geben, als was man den Fall ausgeben soll: als Terrorproblem oder als kriminelle Aktion. Der Tourismus-Minister, der als Erster sagte, es handle sich um eine Entführung, wurde am nächsten Tag zurückgepfiffen. Und letztlich ist Intransparenz Teil der politischen Kultur des früheren Ein-Parteien-Regimes.

Würden die Algerier Hilfe aus dem Ausland annehmen, um die möglicherweise Entführten zu befreien?

Das käme einem Tabubruch gleich. Sie haben solche Hilfe in früheren Situationen strikt abgelehnt.

Das Gespräch führte M. Doering.

 
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