| |
|
Algerien lässt bekannteste Islamisten frei
TAZ, 3. Juli 2003
Die Gründer der verbotenen "Islamischen Heilsfront" (FIS) dürfen nach
Hause - allerdings ohne Bürgerrechte
MADRID taz Die zwei höchsten Führer von Algeriens "Islamischer
Heilsfront" (FIS) wurden gestern nach 12 Jahren Haft auf freien Fuß
gesetzt. Der Nummer eins der seit 1992 verbotenen islamistischen Partei,
Abbassi Madani, wurde um 9 Uhr das Ende seines Hausarrests mitgeteilt.
Ali Benhadj, zweitwichtigster FIS-Führer, verließ zur selben Zeit das
Militärgefängnis in Blida.
Die beiden Gründer der FIS waren im Juni 1991 in der Folge eines
unbefristeten Generalstreiks der Islamisten, der wochenlang die
Hauptstadt Algier lahm legte, verhaftet worden. Ein Jahr später wurden
sie wegen "Angriff auf die Sicherheit des Staates" zu jeweils zwölf
Jahren Haft verurteilt. Benhadj saß seine Strafe vollends ab: Er
weigerte sich immer wieder, mit den Militärs zu verhandeln, die 1992 die
ersten freien Wahlen Algeriens nach einem Sieg der FIS in der ersten
Runde abbrachen, und rief stattdessen zum bewaffneten Kampf gegen "das
ungläubige Regime" auf - Beginn eines Bürgerkrieges, der 150.000 Tote
gefordert hat. Madani hingegen wurde im Juli 1997 freigelassen. Wenige
Monate später wurde er jedoch unter Hausarrest gestellt, nachdem er eine
Dialoglösung im blutigen Konflikt zwischen bewaffneten Islamisten und
Armee gefordert hatte.
Die Freilassungen lösten bei den Vereinigungen der Opfer des
islamistischen Terrors Protest aus. "Diese dunklen Individuen werden nie
ihre Schuld bezahlen, die sie gegenüber der algerischen Gesellschaft
haben", heißt es in einem Kommuniqué. Die staatliche Presseagentur APS
erinnerte daran, dass Madani und Benhadj auch nach ihrer Freilassung
keine Bürgerrechte genießen. So ist ihnen jede politische Aktivität
verboten. Madani hatte bereits vor Tagen seine Anhänger bei etwaigen
Freudenfeiern angesichts seiner Freilassung zur "Disziplin" aufgerufen,
"damit die Dinge nicht außer Kontrolle geraten".
Viele Algerier warten jetzt gespannt auf das morgige Freitagsgebet. Die
beiden Scheichs werden sicherlich einer der Moscheen besuchen, in denen
sie einst predigten. Das Interesse richtet sich vor allem auf Benhadj.
Wird er einmal mehr zum Kampf rufen - oder wird er die
Aussöhnungspolitik von Präsident Abdelasis Bouteflika unterstützen und
die noch übrigen bewaffneten Islamisten, bei denen er nach wie vor
Einfluss hat, zur Waffenruhe auffordern?
"REINER WANDLER
|
|
|