Artikel  
   

Die alten Aufrührer haben ihren Schrecken verloren

Von Axel Veiel, Madrid, Stuttgarter Zeitung, 2. Juli 2003

Zwei Führer der algerischen Islamistenpartei Fis kommen aus dem Gefängnis - Ihre Gesinnungsfreunde fürchten die Konkurrenz

Nach zwölf Jahren Haft und Hausarrest kommen an diesem Mittwoch in Algerien Abassi Madani und Ali Benhadj frei. Die beiden charismatischen Führer der Anfang 1992 um ihren Wahlsieg betrogen Islamischen Heilsfront (Fis) können auf ein Comeback hoffen.

 

Ob Vetternwirtschaft, Korruption, Jugendarbeitslosigkeit oder Wohnungsnot: die Probleme, deren Lösung sich das Volk von den Islamisten erhofft hatte, bestehen fort. Nach dem schweren Erdbeben vom 21. Mai, dem Ausbruch der Pest nahe Oran und den Flugzeugunglücken von Tamanrasset und Boufarik suchen immer mehr Algerier Zuflucht im Glauben. Die Moscheen verzeichnen einen Andrang wie seit Jahren nicht mehr. Für ein politisches Comeback der beiden Anführer der in den Untergrund oder ins Exil abgedrängten Heilsfront scheinen das geradezu ideale Bedingungen zu sein.

Am 30. Juni 1991 waren Madani, der Gründer der Heilsfront, und der für seine Brandreden bekannte Benhadj verhaftet worden. Zu einem politisch motivierten Streik hatten sie aufgerufen, dem blutige Zusammenstöße mit der Polizei gefolgt waren. Damals konnten der zurückhaltend auftretende Soziologieprofessor Madani und sein Einpeitscher Benhadj in Algier zehntausende von Anhängern zusammentrommeln. Nach dem Abbruch der Wahlen im Januar 1992 eskalierte die Gewalt. Mehr als 150 000 Menschen kamen seither ums Leben. Die Gefahr, dass sich die Geschichte wiederholen könnte, ist nicht gebannt. Aber die politische Führung und die Armee des Landes scheinen doch einige Lehren aus der Vergangenheit gezogen zu haben. Selbst für den Fall, dass bei den Präsidentschaftswahlen im April 2004 ein Islamist den Sieg davontragen sollte, will das Militär "die Entscheidung des Volkes respektieren", kündigte Mohammed Lamari an, der Chef des Generalstabs. Und aus dem Palast des Staatspräsidenten Abdelaziz Bouteflika verlautete, dass die bevorstehende Freilassung der beiden prominenten Häftlinge "keinerlei Probleme" aufwerfe.

So viel demonstrative Gelassenheit mag zu einem Gutteil auch daher rühren, dass ihnen die islamistischen Herausforderer anders als Anfang der neunziger Jahre alles andere als geschlossen gegenübertreten. Während zwei im Parlament vertretene islamistische Parteien das Einvernehmen mit der Staatsmacht suchen und sich die verbotene Heilsfront mit weniger versöhnlichen Botschaften aus dem Exil meldet, fordern einige hundert Terroristen das Regime weiterhin mit Waffengewalt heraus. Derweil mehren vom Staat bezahlte Priester ohne klares politisches Profil in den Moscheen die Gottesfurcht. Vor immer größerem Publikum erklären sie Pest, Erdbeben oder Flugzeugunglücke zu Strafen des Himmels.

Die Rückkehr der legendären Anführer der verbotenen Heilsfront dürfte die Rivalitäten im Lager der Religiösen noch verstärken. Während Madani und Benhadj in Gefangenschaft ausharrten, haben andere versucht, die Lücke zu schließen. Taleb Ibrahimi ist einer von ihnen. Der bei den Präsidentschaftswahlen 1999 als ernst zu nehmender Herausforderer der Staatsmacht gehandelte Kandidat, dessen Partei Wafa wenig später verboten wurde, steht im Rufe, den Anhang der Heilsfront ins eigene Lager geholt zu haben. Ibrahimi mag in dem 72-jährigen Madani und dem 47-jährigen Benhadj weniger willkommene Mitstreiter sehen als Rivalen. Nicht anders dürfte es Abdallah Djaballah gehen. Der Anführer der islamistischen "Bewegung für eine nationale Reform", Islah, hat zwar stets die Freilassung der zwei legendären Heilsfrontführer gefordert. Der derzeit populärste islamistische Politiker Algeriens und Präsidentschaftskandidat wird aber an Konkurrenz kaum interessiert sein.

 
Druckversion
 
www.algeria-watch.org