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Jacques Chirac strebt die Versöhnung mit Algerien an

40 Jahre nach dem Unabhängigkeitskrieg besucht der französische Staatspräsident Algier - „Neubeginn" der Beziehungen

von Jochen Hehn und A.B. Lahouari, die Welt, 1. März 2003

Algier/Paris - Bei dem russischen Reichsfürsten Aleksandrowitsch Potemkin hat sich das algerische Regime inspirieren lassen, um ihrer Hauptstadt anlässlich des bevorstehenden Staatsbesuch des französischen Präsidenten Jacques Chirac ein schmuckeres, Wohlstand vortäuschendes Aussehen zu verpassen. Alle Gebäude entlang der Straßen – und nur jene, die der französische Gast während seines Besuchs in Algier und der Hafenstadt Oran zu Gesicht bekommt – wurden renoviert. Ein Zeichen für die „neue Idylle“ und den „Neubeginn“, welche nach dem Willen Paris und Algiers künftig die französisch-algerischen Beziehungen beleben sollen. Sogar die Unterzeichnung einer Freundschaftserklärung ist vorgesehen. Für einen richtigen Vertrag ist die Zeit noch nicht reif. Am Montag wird Chirac vor beiden Kammern des algerischen Parlaments eine Rede halten und am Dienstag Algeriens zweitgrößte Stadt Oran mit zahlreichen Kirchen und Moscheen besuchen. Für die vom Sonntag bis Dienstag dauernde Visite bildet das „Algerische Jahr“, Anfang 2002 in Frankreich ausgerufen, den festlichen Rahmen. Nach der schmerzlichen Vergangenheit – 130 Jahre lange französische Kolonialherrschaft und ein mörderischer Befreiungskrieg – sind die Uhren auf Versöhnung gestellt.
Chirac hat als junger französischer Offizier in Algerien 1956 kurze Zeit selbst Eindrücke von den Ereignissen erhalten: Folter, Massaker und Vertreibungen. Mindestens 500 000 Menschen wurden im Algerien-Krieg getötet, bevor Frankreich 1962 den letzten großen Bestandteil seines Kolonialreichs in die Unabhängigkeit entließ. In einem anrührenden Beitrag schrieb die algerische Zeitung „El Watan“, Jacques Chirac werde in Oran das Grab seines Bruders besuchen. Doch einen solchen hatte der Präsident nie. In Oran wird Chirac lediglich mit Studenten diskutieren.

Auch der Präsident des „Algerischen Jahres“, Hervé Bourges, beschrieb in einer Kolumne für den „Figaro“ Algerien pflichtgemäß euphorisch als ein „gewaltiges Land am Schnittpunkt der Zivilisationen“. Doch die Realität ist ernüchternd. Die Ermordung von zwölf Menschen Anfang dieser Woche durch einen Terrorakt islamistischer Banden ist Beweis dafür, dass das Regime von Präsident Abdelaziz Bouteflika noch nicht in der Lage ist, die Sicherheit seiner Bürger zu garantieren. Die Terrorwelle, der in den letzten zehn Jahren offiziell über 100 000 Menschen zum Opfer gefallen sind, ist zwar deutlich abgeflaut. Doch sind allein seit Jahresbeginn mindestens 230 Menschen ermordet worden.
Zur algerischen Realität gehört auch der trostlose Zustand der Wirtschaft – ungeachtet der Tatsache, dass die gestiegenen Erlöse für Erdöl und Erdgas die Taschen der Mächtigen prall gefüllt haben. Die überwältigende Mehrheit der algerischen Bevölkerung profitiert davon nicht. Nach wie vor herrscht ein chronischer Mangel an Wohnungen und Trinkwasser. Die Arbeitslosigkeit liegt nach offiziellen Angaben bei 30 Prozent. In der jüngeren Generation dürfte sie weit höher liegen. Die Folge: Angesichts der Ausweglosigkeit und der ausbleibenden Reformen flüchten Abertausende in Länder jenseits des Mittelmeeres, um dort ihr Heil zu suchen.

Obwohl die Proteste gegen die Regierung immer stärker werden, wie sich in dieser Woche bei dem landesweit befolgten Generalstreik gegen die Privatisierungspolitik Bouteflikas, aber auch gegen die soziale Krise gezeigt hat, sitzt der algerische Präsident zurzeit noch fest im Sattel. Seit der letzten Wahl im Juni 2002 kann sich Bouteflika im Parlament auf eine satte Mehrheit der Nationalen Befreiungsfront (FLN) stützen, die schon in den achtziger Jahren als Staatspartei die Geschicke Algeriens geleitet hatte. Mehr als ungewiss ist es allerdings, ob Bouteflika bei den Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr mit seiner Wiederwahl rechnen kann. Und so wird er den Staatsbesuch Chiracs nutzen wollen, um seine angekratzte Popularität zu erhöhen.

Jacques Chirac selbst ist in Algerien ein gern gesehener Gast. Bei seinem Arbeitsbesuch vor zwei Jahren wurde er umjubelt, als er ganz spontan ein von einer Überschwemmungskatastrophe heimgesuchtes Stadtviertel in Algier aufsuchte. Auch wegen seiner strikten Antikriegshaltung im Irak-Konflikt kann der französische Präsident bei vielen Algeriern mit Zuspruch rechen. Positiv wurde ihm angerechnet, als er im letzten Jahr den Tag des Waffenstillstands im Algerienkrieg zum nationalen Gedenktag für die Opfer erhob. Dass er darin „alle Opfer“ einschloss, auch die Harkis, die im Algerienkrieg an der Seite der französischen Armee gekämpft hatten und dafür nach Kriegsende zu Hunderttausenden hingeschlachtet wurden, wird allerdings kritisiert. Denn für die meisten Algerier sind die Harkis bis heute Landesverräter geblieben.

   
www.algeria-watch.org