Algerischer Islamist vor Gericht in Paris

In Paris steht der Algerier Rachid Ramda als mutmasslicher Drahtzieher der Attentatswelle von 1995 vor Gericht. Er hatte von London aus operiert, von wo er an Frankreich überstellt wurde.

NZZ, Ch. M. Paris, 1. Oktober

Vor einem Sonderschwurgericht zur Aburteilung terroristischer Straftaten hat in Paris am Montag der Prozess gegen den mutmasslichen Drahtzieher der islamistischen Attentatswelle von 1995 in der französischen Hauptstadt begonnen. Rachid Ramda, ein 38-jähriger Algerier berberischer Herkunft, war schon im März letzten Jahres wegen Zugehörigkeit zu einer kriminellen Vereinigung in Tateinheit mit einem terroristischen Unternehmen zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Im jetzigen Prozess geht es um seine konkrete Rolle bei der Vorbereitung und Finanzierung von drei Bombenanschlägen in der Pariser Untergrundbahn, bei denen im Juli und im Oktober vor 12 Jahren insgesamt 8 Personen ums Leben kamen und ungefähr weitere 200 Verletzungen erlitten. Als Bombenleger waren bereits im Jahr 2002 Boualem Bensaid und Smain Ait Ali Belkacem zu lebenslänglicher Haft verurteilt worden.

Ramda befand sich zur Tatzeit in London, von wo er laut Anklage im Auftrag der algerischen Terrororganisation Groupe islamique armé (GIA) die Zeitschrift «Al Ansar» herausgab und vor allem als Organisator der algerischen Terroristen in Europa die propagandistische und finanzielle Leitung von deren Aktionen ausgeübt haben soll. In einem am Montag zur Verfahrenseröffnung publizierten Interview mit der Linkszeitung «Libération», welche dem Angeklagten die Fragen in die Haftanstalt Fresnes übermittelte und dessen schriftliche Antworten erhielt, bestritt Ramda jederlei Zugehörigkeit zum GIA und gab auch vor, weder Bensaid noch Ali Belkacem zu kennen. Noch weniger wollte er irgendetwas mit der Attentatswelle von 1995 zu tun gehabt haben. Laut den Ermittlungen telefonierten indes die Bombenleger jeweils vor und nach ihren Anschlägen mehrmals mit Ramda in London. Zudem konnte in dessen Wohnung in der britischen Hauptstadt unter anderem die Quittung einer umfangreichen Geldüberweisung an Bensaid beschlagnahmt werden; auf dem Dokument wurden Fingerabdrücke Ramdas entdeckt.

Ramda war bereits im November vor 12 Jahren in London verhaftet worden und hatte schon zehn Jahre in britischer Auslieferungshaft gesessen, bevor er dann im Dezember 2005 endlich an Frankreich überstellt wurde. Unter Ausschöpfung sämtlicher Rechtsmittel und Verfahrenstricks war es seinen Anwälten gelungen, die unablässig von der französischen Justiz verlangte Auslieferung hinauszuzögern. In Paris wurde dabei auch stets der Verdacht vorgebracht, Whitehall dulde in besonderer Nachsicht gegenüber islamistischen Umtrieben in «Londonistan» insgeheim diesen Justizfilibuster, um nicht selber Zielscheibe islamistischer Anschläge zu werden. Nach dem 11. September 2001 habe sich jedoch die Einstellung der britischen Behörden gewandelt. Allerdings dauerte es dann noch immer weitere vier Jahre bis zur Auslieferung.

Zur Attentatswelle von 1995 war es nach der gewaltsamen Beendigung einer von algerischen Terroristen verübten Flugzeugentführung an Weihnachten 1994 gekommen. Das Elitekommando der französischen Polizei erstürmte die entführte Air-France-Maschine auf dem Flughafen von Marseille, befreite die Passagiere und tötete die Terroristen, die zuvor drei Flugzeuginsassen umgebracht hatten. Laut einigen seither gewonnenen Erkenntnissen sollen die Terroristen damals beabsichtigt haben, das Flugzeug, ähnlich wie dann die Kaida-Luftpiraten von 2001, als Waffe einzusetzen und über Paris zur Explosion zu bringen.

   
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