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»Al Qaida im Maghreb« – oder der Kampf um das ÖlDie von Algier und Washington beschworene Terrorgefahr in Nordafrika dient vor allem der dauerhaften Durchsetzung von USA-Interessen im Energiesektor Von Werner Ruf, Neues Deutschland, 21. April 2007 Die USA und Algerien arbeiten bei der »Bekämpfung des Terrorismus« Hand in Hand. Tatsächlich aber geht es darum, durch eine US-amerikanische Militärpräsenz die Energiezufuhr in die Vereinigten Staaten zu sichern. Das wird auch mit gezielter Desinformationen verschleiert. Die offizielle Gründung von »AfriCom« dürfte unmittelbar bevorstehen: Seit fünf Jahren bemühen sich die USA um den Aufbau eines eigenen, direkt dem Pentagon unterstehenden Oberkommandos für Afrika, das als Hauptziel die Terrorismusbekämpfung in den an die Sahara angrenzenden Ländern hat. Dieser Antiterrorkampf wurde bisher geführt vom US-Oberkommando für Europa in Stuttgart (EUCOM), vor allem in enger Zusammenarbeit mit der algerischen Regierung. Er steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Vision des vom USA-Präsidenten George Bush verkündeten Konzepts eines »Greater Middle East«, das sich, so die Vordenker der Washingtoner Außenpolitik wie Asmus und Pollack, von »Nordafrika bis Pakistan« erstreckt. Sitz dieses Oberkommandos dürfte voraussichtlich Dakar oder Algier sein. Der Kampf um die Sicherung energetischer Rohstoffe wird umso heftiger, wie absehbar wird, dass die Kohlenwasserstoffvorräte des Planeten in etwa 40 Jahren erschöpft sein werden. Hinter dem Rauch der Kriege in Irak und Afghanistan gewinnen vor allem die afrikanischen Ressourcen an Bedeutung: Neben Nigeria, das gleichfalls an den Sahel grenzt, sind in den letzten Jahren Öl- und Gasfelder vor allem auch in Mali und Mauretanien entdeckt worden, in der marokkanisch besetzten Westsahara werden erhebliche Ressourcen im Off-Shore-Bereich vermutet. Dies allein ist ein Grund, diesen Raum nicht allein dem traditionellen französischen Einfluss zu überlassen. Immerhin beziehen die USA derzeit bereits 15 Prozent ihrer Erdöl- und Erdgas-Importe aus Afrika, bis 2015 sollen sie auf 25 Prozent wachsen. Entscheidend ist hierbei der Import von Flüssiggas. Mit der algerischen SONATRACH, der größten Erdölgesellschaft Afrikas, die auf Platz zehn bis zwölf unter den wichtigsten Gesellschaften weltweit gehandelt wird, besitzen die USA einen wichtigen Partner für die Gas-Verflüssigung. Die großen US-Konzerne sind mit SONATRACH in zahlreichen Joint Ventures verflochten. Starke Präsenz von US-Firmen in Algerien Dringend gesucht: Gefährliche Terroristen Doch für den Krieg gegen den Terrorismus braucht man (auch) Terroristen, die eine reale Bedrohung weit über die Grenzen Algeriens hinaus darstellen. Schon 2004 behauptete eine Studie der US Air Force, dass sich in der Sahara ein gefährlicher Terroristenherd entwickele, ja, dass dort mit höchster Wahrscheinlichkeit in Verbindung mit Al Qaida die Anschläge vom 11. März 2004 in Madrid geplant und vorbereitet worden seien. Ausnahmslos alle Berichte über terroristische Aktivitäten im Sahara-Raum und in den angrenzenden Ländern verweisen auf die sogenannte GSPC (Salafistische Gruppe für Predigt und Kampf), die sich im Januar dieses Jahres in »Al Qaida des islamischen Maghreb« umbenannte. Algier verhinderte deutsche Versuche, mittels der GSG 9 oder der KSK wie auch des Einsatzes von Agenten des BND, das Geiseldrama zu beenden. Vor allem wurde der Einsatz deutscher Aufklärungsdrohnen verhindert. Al-Qaida-Verbindungen reine Konstrukte Diese Verflechtungen zwischen Politik, geheimdienstlicher Desinformation, Terror und Kriminalität blieben unerheblich, wenn die Touristenaffäre nicht – erfolgreich – dazu gedient hätte, »Beweise« für die Etablierung der GSPC und damit der Al Qaida in der Sahara zu erbringen, die seither immer wieder in Presseberichten, in den einschlägigen Sicherheitskreisen wie auf deren Websites gebetsmühlenartig wiederholt werden. So erscheint die GSPC auch auf der Website des US State Department als terroristische Organisation und dient als Begründung für den Ausbau der US-Militärpräsenz im saharischen und im Sahel-Raum. Alleiniger Produzent und Zulieferer der Informationen über die Gruppe ist der algerische Geheimdienst DRS. Über die Verbreitung dieser Informationen unter den Diensten entsteht jenes einheitliche Bild, das heute in den Medien – oft sensationell aufbereitet – wie in den Agenturmeldungen nahezu wortgleich verbreitet wird. Und da die Informationen strategische Ziele verfolgen, werden sie weder auf Glaubwürdigkeit noch auf die Zuverlässigkeit der Quellen überprüft. Wettlauf mit den Europäern um Einfluss In Wirklichkeit dient die afrikanische Front im »Krieg gegen den Terror« dazu, durch eine US-amerikanische Militärpräsenz die Energiezufuhr in die USA zu sichern und zugleich die Kontrolle über jene Ressourcen sicherzustellen, die ihre ökonomischen Konkurrenten in Europa ebenfalls benötigen. So passt es in diese Strategie, wenn der Sprecher des Pentagon, Joe Carpenter, erklärt: »Die Aktionen der Eurokorps haben in ihren Unternehmungen in den subsaharischen Gebieten, wo die islamistischen Gruppen ihre Stützpunkte eingerichtet haben, ihre Grenzen gezeigt.« Die Bemühungen der Europäer, ihre Gaszufuhr zu diversifizieren, was angesichts der russischen Lieferpolitik als zwingend notwendig propagiert wird, verschärft die Konkurrenz zwischen den industriellen Blöcken, auch und gerade in den Produktionszonen der Energieträger. Um diesen Wettlauf zu gewinnen, bedarf es zuverlässiger Partner vor Ort, und Algier präsentiert sich hier den USA als verlässlicher Freund, der aufgrund seiner geografischen Lage, seiner militärischen Kompetenz wie seines erbarmungslosen »Kampfes gegen den Terrorismus« ein idealer Mitstreiter zu sein scheint. Angesichts der verfolgten »realpolitischen« Zielsetzungen kommt es nicht darauf an, dass die den politischen Entscheidungen zugrunde liegenden Informationen stichhaltig sind. Wichtiger ist, dass sie ein gewünschtes Lagebild untermalen, das eine zuvor beschlossene Politik zu legitimieren vermag. Die Hysterie um die selbst ernannte »Al Qaida im Maghreb« und die behaupteten, von ihr ausgehenden vielfältigen Bedrohungen gerade auch für Europa lassen die wahren Konturen des Konflikts in den Hintergrund treten, die in der sich verschärfenden Rivalität zwischen den USA und Europa bestehen und auf die Verhinderung der Stärkung des chinesischen Einflusses abzielen. Ob echt oder manipuliertes Konstrukt: Objektiv dient die »Al Qaida im Maghreb« den Interessen der US-amerikanischen Geopolitik. Und um diese Funktion zu erfüllen, muss sie glaubwürdig sein. Deshalb muss mit weiteren Anschlägen gerechnet werden. Gleichzeitig zwingt der »Kampf gegen den Terrorismus« die Europäer trotz gegenläufiger eigener ökonomischer Interessen unter die Führung der USA. Die brutalen Methoden des Antiterrorkrieges einschließlich der Unterwerfung Afrikas unter die Kontrolle des US-Militärs tragen jedoch dazu bei, jenen Feind erst zu produzieren, den zu bekämpfen man vorgibt – und der dann leicht zur wirklichen Bedrohung Europas wird. Werner Ruf (geb. 1937) lehrte als Professor für Internationale und intergesellschaftliche Beziehungen und Außenpolitik an der Universität Kassel und hat sich u.a. mit Publikationen zum Maghreb einen Namen gemacht. |
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www.algeria-watch.org
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