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Zorn über die verlorene Zukunft

In Algerien begehren vor allem die jungen Menschen auf, aber nicht nur sie glauben: Wahlen ändern nichts

Von Axel Veiel (Algier / Tizi Ouzou); Frankfurter Rundschau, 28 mai 2002

Der Prophet Mohammed hat Geburtstag, das allein zählt. Vergessen ist, dass nur alle vier Tage Wasser aus dem Hahn rinnt, dass der Bus nur alle paar Stunden durch die Rue Didouche fährt, die Einkaufsstraße Algiers. Blumenverkäufer stocken ihre Rosenvorräte auf. Jugendliche in Sportschuhen, Nylonhosen und T-Shirts bewundern Einfallsreichtum und Geschäftstüchtigkeit der Informatik-Piraten. Ob Musik- oder Videokassette, CD oder Codekarte zum Empfang digitalen Fernsehens: Alles lässt sich offenbar billig kopieren und zu Dumpingpreisen verkaufen. Das Aufladen der Code-Karte, das dem Besitzer einen Monat lang Zugang zu 768 TV-Programmen verschafft, kostet in Algier 50 Dinar. 70 Cent sind das.

An einer Straßenkreuzung, wo Terroristen vor einer Woche zwei Gemeindepolizisten erschossen, mühen sich nun die Kollegen der Opfer um den Verkehrsfluss. Unter den wachsamen Blicken eines schwer bewaffneten dritten Beamten, der im Schatten eines Eukalyptusbaumes Platz genommen hat, winken sie die Fahrzeuge vorbei. Auch hier wird gefeiert. Vor einer Mietskaserne explodieren Knallfrösche. Feuerwerksraketen zischen gen Himmel. Eine setzt am Firmament einen leuchtend roten Kunstmond frei. Wie von Zauberhand gehalten verharrt er am Zenit seiner Flugbahn und sinkt dann im Zeitlupentempo der Bucht von Algier entgegen.

An so einem Freudentag können offenbar auch ernsthafte Worte große Heiterkeit auslösen. Die Studenten vor dem Portal der medizinischen Fakultät biegen sich vor Lachen, als sie gefragt werden, ob sie denn bei der Parlamentswahl am Donnerstag ihre Stimme abgeben wollten. Als sie sich wieder gefasst haben, stellen sie die Gegenfrage. "Warum sollten wir wählen gehen?" Einer aus der Gruppe erklärt die ihm so selbstverständliche politische Enthaltsamkeit. Erstens habe das Parlament neben einem mit Veto-Rechten ausgestatteten Präsidenten und einer im Hintergrund die Fäden ziehenden Armee wenig zu sagen. Zweitens habe die Staatsmacht bisher noch alle Ergebnisse gefälscht. Und drittens hätten Wahlen im Lande noch nie etwas geändert. "Nichts", "null", "aber auch gar nichts", tönt es aus Dutzenden von Kehlen. Auch diesmal werde sich für die Regierung auf wundersame Weise alles zum Besten fügen. Die Koalition staatstragender Kräfte - aus Nationaler Befreiungsfront (FLN), der ihr ideologisch verwandten Demokratischen Nationalen Sammlungsbewegung (RND) und den gemäßigten Islamisten der Bewegung für die Gesellschaft und den Frieden (MSP) - werde ihre absolute Mehrheit sicher nicht einbüßen.

Offene Worte sind das. Seit Jahren erfreut sich Algerien einer im arabischen Vergleich außergewöhnlich regierungskritischen Presse. Nun beweist auch die Bevölkerung zunehmend Zivilcourage. Hier erzwingen Eltern den Rücktritt einer offenbar unfähigen Schuldirektorin, dort marschieren Studenten zum Regierungspalast, deren Kommilitonen den Staatspräsidenten Abdelaziz Bouteflika mit Steinen beworfen hatten und festgenommen worden waren. Vor allem die Jugend begehrt auf. Zwei Drittel der Algerier sind noch keine 30 Jahre alt, und mehr als die Hälfte von ihnen findet keinen Job. Die Nachricht, dass das Land durch den Verkauf von Erdöl und Erdgas jährlich 20 Milliarden US-Dollar einnimmt, hat die Verbitterung der Zu-kurz-Gekommenen gemehrt. Im ganzen Land schwelt der Zorn der um ihre Zukunft Betrogenen.

Dabei sind durchaus auch Fortschritte zu verzeichnen. Die Regierung hat einen Drei-Jahres-Plan zur Entwicklung aufgelegt. Reiche Algerier bringen Devisen ins Land zurück aus Furcht, Auslandskonten arabischer Bürger könnten nach Terroranschlägen gesperrt werden. Die Unterzeichnung des Assoziierungsvertrages mit der EU, der den Abbau der Handelshemmnisse bis zum Jahr 2010 vorsieht, wird der Importmafia zusetzen, die auf Kosten heimischer Hersteller ins Land schmuggelt, was immer sich verkaufen lässt. Aber ein Gutteil des Volkes scheint den Glauben an die Politik verloren zu haben. Die Gleichgültigkeit gegenüber den Wahlen könnte größer kaum sein. Die himmelblauen Wahlplakate finden kaum Beachtung. Oft hängen sie nur noch in Fetzen an Hauswänden und Holztafeln. Der Versuch, an einem Nachmittag offiziell angekündigte Wahlkampfveranstaltungen aufzusuchen, endet erfolglos. "Abgesagt", schallt es dem Besucher allseits entgegen.

Begonnen hatte das Aufbegehren vor gut einem Jahr in der Kabylei, der vorwiegend von Berbern bewohnten bergigen Region im Osten Algiers. Die Perspektivlosigkeit der Jugend und die Sorge der Berber um ihre kulturelle Selbstbehauptung gegenüber der arabischen Mehrheit hatten eine besonders explosive Gemengelage geschaffen. Als im April 2001 ein Schüler auf einer Polizeiwache ums Leben kam, brach sich der Volkszorn Bahn. Die Gendarmerie versuchte den Aufstand niederzuschlagen. Die Kabylei stand in Flammen. Mehr als 100 Menschen kamen bei den Ausschreitungen ums Leben. Präsident Bouteflika machte später zwar erste Zugeständnisse. Das Tamazight, die Sprache der Berber, erhielt Verfassungsrang. Die Gendarmerie, die so brutal gegen die Aufständischen vorgegangen war, wurde teils umgruppiert, teils abgezogen. Aber die Berber wollen mehr: den totalen Abzug der Gendarmerie, die Bestrafung der Mörder in Uniform, eine wirkliche Demokratie.

Zum Zeichen ihres Protestes haben die Gesandten der Familien, Sippen, Dörfer und Kreise der Kabylei beschlossen, die Parlamentswahlen zu boykottieren. Die Front der Sozialistischen Kräfte (FFS) und die Sammlungsbewegung für Kultur und Demokratie (RCD), die beiden in der Kabylei verwurzelten, weltlich ausgerichteten Oppositionsparteien, schlossen sich an. Der Konflikt erhielt so neue Nahrung. Eine Reise in die Region erinnert wieder an einen Ausflug in Feindesland.

Kurve um Kurve windet sich der Konvoi hinauf in die Berge der Großen Kabylei. Hinter der Provinzhauptstadt Tizi Ouzou liegt dort das Mekka der kabylischen Widerstandsbewegung: das Grab des Sängers und Dichters Lounes Matoub. Im Juni 1998 war der Künstler auf dieser kurvenreichen Straße überfallen und erschossen worden. Die Täter wurden nie gefasst. Algeriens Regierung machte islamistische Terroristen für die Tat verantwortlich. In der Kabylei glauben viele Menschen, dass der Zentralstaat die Mörder aussandte.

An der Spitze des Zuges fährt eine weiße Limousine. Vier bewaffnete Polizisten sitzen darin. Sie tragen Jeans und T-Shirts. Ein zweiter Wagen mit drei Beamten in Zivil bildet die Nachhut. Ob auf Werbetafeln oder Wegweisern, überall dominiert das Tamazight und das Französische. Das Arabische scheint aus der Kabylei weitgehend verbannt. Nach einer Serpentine stockt der Zug. Ein Trupp Soldaten überquert die Straße und taucht sogleich wieder ein ins üppige Grün, das die Landschaft wie wuchernder Ausschlag überzieht. Die Männer in der olivfarbenen Kluft erinnern daran, dass die Staatsmacht nicht nur das Aufbegehren der Kabylen fürchtet, sondern auch den Terror der mit Al Qaeda zusammenarbeitenden Salafistischen Gruppe für Predigt und Gefecht (GSPC). Das Morden ist zwar weniger geworden. Aber noch immer fallen jährlich mehr als 1000 Menschen dem zum Opfer, was die Regierung "Restterrorismus" nennt.

Um Matoubs Grab drängen sich junge Berber, erzählen von der Volksbewegung, die mit Sit-ins vor Wahllokalen die Stimmabgabe verhindern werde. Die Regierung wird die Wahlen wohl trotzdem durchführen, auch ohne die Kabylen, auch ohne einen Gutteil der restlichen Bevölkerung. In Algier betritt Innenminister Yazid Zerhouni ein mit Gummibäumen, Stechpalmen und Rosengestecken geschmücktes Podium. Er rühmt die von den Parteien gestellten Kontrollkommissionen, die Wahlbetrug vereiteln sollen. Dann versichert er, dass eine Beteiligung von 50 Prozent kein schlechtes Ergebnis wäre.

Copyright © Frankfurter Rundschau 2002
Dokument erstellt am 27.05.2002 um 21:05:55 Uhr
Erscheinungsdatum 28.05.2002

   
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