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SZ-Interview mit Mohamed Tahri

"Die Welt hat Algerien vergessen"

Süddeutsche Zeitung, 22.7.98

Am heutigen Mittwoch wird erstmals eine Beobachtergruppe der Vereinten Nationen in Algerien erwartet Die sechsköpfige Delegation unter Leitung des früheren portugiesischen Präsidenten Mario Soares soll 14 Tage lang Material über den Bürgerkrieg sammeln, um UN-Generalsekretär Kofi Annan Bericht zu erstatten. Bisher hatte die Regierung in Algier solche Missionen als Einmischung in innere Angelegenheiten abgelehnt und im Februar verhindert, daß eine Delegation des Europa-Parlaments mit der islamistischen Opposition sprach. Zu der UN-Gruppe gehören auch Indiens Ex-Premier Gujral und die frühere Außenministerin von Frankreich, Simone Veil. Mit dem algerischen Rechtsanwalt und Menschenrechtler Mohamed Tahri sprach Gerold Büchner über den Besuch.

SZ: Was erwarten Sie von der Mission der Vereinten Nationen?

Tahri: Zunächst soll sie ja nur dazu dienen, sich über die Lage in Algerien zu informieren. Ich glaube aber, daß die UN-Vertreter nicht einmal diesen Informationsauftrag erfüllen können, wenn sie sich in den zwei Wochen fernab der Orte aufhalten, wo die Gewalt ausgeübt wird: Gefängnisse, Dörfer, die Massaker erlebt haben, Folterzentren, Friedhöfe, wo täglich Hingerichtete beerdigt werden - all diese Orten, an denen der Staat oder bewaffnete Gruppen Gewalt anwenden. Aber der Besuch ist immerhin ein Schritt, falls die Delegation nicht dazu mißbraucht wird zu sagen: Die UN waren da und haben sich informiert, es ist alles in Ordnung.

SZ: Wie kann die Staatengemeinschaft die Menschen unterstützen, die in Algerien für einen Rechtsstaat eintreten?

Tahri: Bis jetzt fehlt eine klare Stellungnahme der Welt gegenüber Algerien. Es gab einen Aufschrei der Empörung über die Massaker, aber danach ist alles vergessen worden, obwohl die Gewalt weiter Hunderte von Opfern fordert. Andere Länder, soweit sie keine wirtschaftlichen Interessen in Algerien haben, interessieren sich nicht dafür, was passiert. Ein Beispiel sind die Europa-Parlamentarier, die gekommen sind, aber nichts bewirkt haben. Das war eine sehr, sehr große Enttäuschung für uns.

SZ: Lag das an den Besuchern oder an der algerischen Regierung?

Tahri: Sie kamen als Vertreter der EU, aber wir mußten feststellen, daß sie leider nur die Länder vertraten, die wirtschaftliche und finanzielle Interessen gegenüber Algerien haben. Was die Menschenrechte angeht, hatten die Delegierten kein Mandat. Die EU-Länder sprechen viel von Demokratie, Freiheit und Menschenrechten, aber bei uns ist das alles sehr weit entfernt.

SZ: Gibt es denn Möglichkeiten für andere Staaten, etwa für die EU, Druck auf die algerische Regierung auszuüben?

Tahri: Sicher. Zuerst einmal haben wir ein Informationsproblem. Das Schweigen zu Menschenrechtsverstößen ist Unterstützung der Repression. Die Staaten könnten,wenn sie wirklich wollten, zumindest Druck ausüben, damit ausländische Journalisten nach Algerien reisen dürfen. Wenn die Information dann da ist, muß man jedesmal reagieren, wenn Menschenrechte verletzt werden. Das kann auf allen Ebenen geschehen, auch wirtschaftlich.

   
www.algeria-watch.org