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Berber und Islamisten gegen das Regime

Angesichts der zunehmenden Unruhen der Berber in der Kabylei hat Algeriens Regierung die Meinungsfreiheit stark eingeschränkt. Das Regime wackelt und kämpft an mehreren Fronten.

Ralph Schulze, Der Landbote, Schweiz, 30.05.01

MADRID. Die Münder mit Pflaster zugeklebt, an den Hemdärmeln schwarze Armbinden - Tausende algerische Journalisten und Oppositionelle haben letzte Woche im ganzen Land gegen die verschärfte Pressezensur in Algerien demonstriert. Denn scheinbar unbeeindruckt vom Aufstand der Berber in der ostalgerischen Kabylei, peitschte das Regime von Staatschef Abdelaziz Bouteflika neue drastische Einschränkungen der Meinungsfreiheit durch. "Diese Waffe wird von den Behörden geschwungen, um die Wahrheit zu bekämpfen", schreibt die nationale Zeitung "El Watan", die wie 20 weitere nicht staatliche Blätter zum "Protesttag ohne Presse" aufgerufen hat.

Immer mehr Fronten öffnen sich gegen die wankende algerische Führung, ein Marionettenkabinett der mächtigen Generale: Der blutige Kampf der durch den Militärputsch Ende 1991 in den Untergrund gedrängten Islamisten gegen den Staat nimmt kein Ende. Und die gewaltsame Intifada der algerischen Berber, der unterdrückten Minderheit von zehn Millionen Menschen im arabischen Algerien, hat gerade erst angefangen. Mangels politischer Lösungen für diese eskalierenden Konflikte will man nun nach alter Tyrannenmanier die Überbringer der schlechten Nachrichten köpfen: "Beleidigungen und Diffamierungen" staatlicher Institutionen werden von jetzt an mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestraft.

"Wir werden nicht aufgeben, wir werden weiter demonstrieren, bis wir unsere Ziele erreicht haben", riefen Zehntausende Berberfrauen, die in den letzten Tagen mit hochgereckten Fäusten durch die Städte in der Kabylei, ihrer Heimatregion, zogen. Kein Tag vergeht, ohne dass es nicht neue Massenproteste, angeführt von der jungen Generation, gegen das Regime Bouteflika gibt. Meist enden die Märsche gewaltsam: "Terroristen-Polizisten", schreien die Menschen zu den Sicherheitskräften, Steine fliegen, Büros der Staatsparteien gehen in Flammen auf. Genauso wie die Universität von Bumerdes, 50 Kilometer östlich der Hauptstadt Algier.

Kein Kontakt nach Tizi-Ouzou

Die Region um Tizi-Ouzou, die Hauptstadt der Kabylei, ist zunehmend von der Aussenwelt abgeschnitten. Die Berber errichteten auf vielen Strassen Barrikaden aus Bäumen, Felsbrocken und Strommasten. In Tizi-Ouzou marschierte jüngst mehr als eine halbe Million Menschen durch die Strassen; sie forderten "Freiheit und Gerechtigkeit", die Anerkennung der Berbersprache und die "Bestrafung der staatlichen Mörder". Es war die grösste Protestdemonstration seit dem Militärputsch vor zehn Jahren. Seit Mitte April haben die Strassenschlachten mit den Sicherheitskräften nach offiziellen Angaben bisher 51 Tote und 1300 Verletzte gefordert, die Opposition spricht von mindestens doppelt so vielen Opfern.

Der Berberaufstand könnte bald auf ganz Algerien übergreifen, meint die vom Staat verfolgte algerische Journalistin Salima Gezhali, die mit mehreren internationalen Menschenrechtspreisen ausgezeichnet worden ist. Sie musste schon Mitte der 90er Jahre nach Frankreich flüchten, nachdem ihre regimekritische Zeitschrift verboten worden war. Nach zehn Jahren Bürgerkrieg sei die Verzweiflung im Volk heute grösser denn je: "200 000 Tote, Armut, fehlende Perspektiven für Millionen Jugendliche - die Ereignisse in der Kabylei sind keine isolierten Vorfälle, sondern ein unendliches Meer, das aus der Tiefe der algerischen Gesellschaft emporsteigt."

   
www.algeria-watch.org