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Jakobinische Widersprüche Frankreich und das vergiftete Erbe des AlgerienkriegsMartina Meister, Frankfurter Rundschau, 10.05.01, Kultur Das Porträtfoto, das die französische Tageszeitung Le Monde von General Paul Aussaresses vergangene Woche großflächig abdruckte, ist ein Glückstreffer. Es zeigt einen Greis, 82 Jahre alt, das linke Auge mit einem Pflaster zugeklebt, das rechte freundlich, fast gütig lächelnd. Seine Hände liegen vor ihm, auf einem Tisch. Sie sind faltig. Der linke Ringfinger trägt einen breiten Ehering. Der Fotograf muss das Bild von oben geschossen haben, direkt auf die Hände. Denn obwohl sie am unteren Rand des Bildes liegen, stehen sie im Mittelpunkt. Sie sind schärfer als das Gesicht, besser ausgeleuchtet und wirken riesig. Die Pranken der Folter und das Gesicht eines Unschuldsengels. Besser hätte man das Dilemma, in dem sich Frankreich derzeit befindet, kaum bildhaft machen können. Wiederkehr des VerdrängtenDie Republik wird eingeholt von ihrer Vergangenheit. Sie erlebt "die Wiederkehr des Verdrängten", wie es der Historiker Pierre Vidal-Naquet formuliert. Gespenstischer als das Foto des Generals ist der Text, neben dem es steht. Es ist der Auszug aus einem Buch, das am vergangenen Donnerstag im Verlagshaus Perrin erschienen ist und in Frankreich eingeschlagen ist wie eine Bombe, genauer gesagt wie ein Blindgänger, der jahrzehntelang unbemerkt unter dem Pflaster lag und erst mit vierzig Jahren Verspätung hoch ging. Service Spéciaux. Algérie 1955-1957 heißt das Buch, in dem besagter Paul Aussaresses, General und ehemaliger Geheimagent mit einer Schlüsselrolle im "schmutzigen Krieg" in Algerien, auf 196 Seiten minutiös die Foltermethoden der französischen Armee beschreibt. Er tut es, ohne den geringsten Gewissenbiss zu verspüren. Im Gegenteil. Schon die Lektüre des veröffentlichten Auszugs lässt den Zynismus, ja das Vergnügen erahnen, mit dem der senile General von seinen Gräueltaten erzählt und die damalige sozialistische Regierung in keinem guten Licht dastehen lässt. Mitterrand war damals übrigens Justizminister und soll die Schaffung der "legalen Voraussetzungen" der Folter insgeheim als seinen "größten politischen Fehler" bezeichnet haben. Aussaresses' Buch, urteilt Vidal-Naquet, sind "die Memoiren eines Mörders". Der aber glaubt, seine großen Hände in Unschuld waschen zu können. Schon während der Résistance habe man ihm beigebracht, wie man "raubt, mordet, verwüstet und terrorisiert, wie man Türschlösser knackt, wie man ohne Spuren zu hinterlassen mordet, wie man lügt, wie man dem eigenen Leiden und dem der anderen gegenüber völlig gleichgültig wird, wie man vergisst und sich vergessen macht. Alles für Frankreich." Insofern verkörpert Aussaresses perfekt den jakobinischen Widerspruch, der das Vaterland über alles stellt und dessen demokratische Ideale zur Not mit den undemokratischsten Mitteln zu verteidigen rechtfertigt und so im Namen des Guten noch den größten Schrecken legitimiert. Dasselbe "pour la France" galt für Aussaresses auch in Algerien. Doch gemordet wurde ausgerechnet für jenes Frankreich, das sich bis heute die Erfindung der Menschenrechte zugute hält, die eigene Schuld jedoch mit großer Perfektion verdrängt, wenn sie das lichte Selbstbild zu trüben droht. Die Foltermethoden in Algerien waren ein Tabu, eine kollektive Lüge, von der man sich erst jetzt, vierzig Jahre nach dem Krieg, zu verabschieden wagt. Bislang galt die offizielle Version, dass es Folterungen zwischen 1954 und 1962 nur in Ausnahmefällen gegeben habe. Nicht einmal der Krieg selbst wurde bei seinem Namen genannt. Was damals als "Operation zur Erhaltung der Ordnung" verkauft wurde, firmierte in der offiziellen Sprachregelung der Zeit danach unter dem schlichten Titel "die Ereignisse". Es war "Une guerre sans nom", ein namenloser Krieg, wie Bertrand Tavernier seinen Film 1992 nannte. Erst im Juni vor zwei Jahren verabschiedete die französische Nationalversammlung ein Gesetz, das den Opfern dieses Krieges zu ihrem Recht verhelfen sollte: Aus dem "guerre sans nom" wurde ganz offiziell "la guerre d'Algérie". Begonnen aber hat die Debatte, die kräftig am Selbstbild der Franzosen kratzt, nicht erst jetzt, sondern schon im Sommer vergangenen Jahres. Es war das Verdienst von Le Monde, die einen Erfahrungsbericht einer ehemaligen Aktivistin der algerischen Befreiungsfront (FLN) veröffentlicht hatte. Louisette Ighilahriz schilderte ihre drei Monate währende Folter. Wenig später wurden die zwei verantwortlichen Generäle befragt, Jacques Massu und Marcel Bigeard. Während letzterer alles bestritt, gestand ersterer: "Die Folter war befohlen", sie war gedeckt von der Regierung und hatte schon in Indochina begonnen. "Sie war nicht unverzichtbar. Wir hätten es anders machen können in Algerien." Im Zuge der Veröffentlichungen erschien in November auch ein Gespräch mit General Aussaresses, in dem er bereits eine Vorahnung auf sein Buch gab: "Die Folter ist äußerst wirksam. Die meisten hielten nicht stand und redeten. Danach haben wir ihnen meistens den Gnadenschuss gegeben und sie beseitigt. Wir hätten sie der Justiz übergeben müssen, haben das manchmal auch getan. In der Regel aber hatten wir dafür nicht die Zeit. Ob mir das Gewissensprobleme bereitet hat? Ich muss gestehen nein. Ich hatte mich daran gewöhnt." Vidal-Naquet, der erste, der über die Folter in Algerien geforscht hat, reagierte empört auf die Geständnisse. Er beklagt den "weichen Totalitarismus" der Regierung unter Guy Mollet und forderte gemeinsam mit elf anderen Intellektuellen in einem Aufruf in der kommunistischen L'Humanité, Premierminister Lionel Jospin und Staatspräsident Jacques Chirac mögen die "Folter in einer öffentlichen Erklärung verurteilen". Innerhalb weniger Tage hatte 4000 Menschen den "Appell der Zwölf" unterschrieben. Chirac und Jospin aber versuchten sich, mit vagen Formulierungen aus der Affäre zu ziehen. Der protestantische Jospin erklärte, "Buße" sei kein Wort, auf das er viel geben würde, und plädierte für "historische Recherche", während Chirac bei einer Fernsehansprache Mitte Dezember die Franzosen ermahnte, "keine Ereignisse zu schaffen, welche alte Wunden wiederaufbrechen lassen könnten". Die Einrichtung eines Untersuchungsausschusses wurde strikt abgelehnt, eine Historikerkommission hielt man für angebrachter. Die aber tun längst ihre Arbeit, und zwar unter schwierigsten Bedingungen. Seit der Publikation von Aussaresses' Geständnissen aber vermag nicht einmal mehr Chirac, der seine Jahre als Unterleutnant in Algerien als die "aufregendste Zeit seines Lebens" zu bezeichnen pflegt, die salomonische Attitüde aufrechtzuerhalten. In einer Presseerklärung teilte der Elysée-Palast nach den Veröffentlichungen mit: "Schockiert von den Schilderungen General Aussaresses, verurteilt der Präsident der Republik aufs neue die Greueltaten, Folterungen, Exekutionen und Morde, die während des Algerienkriegs verübt worden sein können." Die Formulierung "aufs neue" entbehrt zwar genauso wenig wie der schöne Konjunktiv einer gewissen Pikanterie, dennoch steht fest, dass damit eine neue Zeitrechnung begonnen hat. Zum ersten Mal wird von offizieller Seite anerkannt, dass in Algerien in "industriellem Ausmaß" gefoltert wurde, wie es Henri Alleg formuliert, damals Herausgeber von Alger Républicain und selbst Opfer. Zeitzeugen sprechen von "Konzentrationslagern" und nicht einmal der Vergleich mit Methoden der Nationalsozialisten wird noch gescheut. Einige fordern, Aussaresses müsse wegen "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" der Prozess gemacht werden, weil er nicht besser sei als Maurice Papon, der übrigens auch die Erschießung von algerischen Demonstranten 1962 in Paris zu verantworten hat. Hier schließt sich der Kreis. Gar nicht so lange nach der offiziellen Anerkennung der Mitschuld für die Gräueltaten unter der deutschen Besatzung - bis dato hatte man das Vichy-Regime als historischen Unfall einfach aus der Reihe der französischen Republiken ausgeklammert - wird nun der zweite Giftschrank der Geschichte aufgemacht. Kein Krieg ohne Bilder"Zwei Traumata", so der Historiker Claude Liauzu, die Frankreich in unmittelbarer Folge erlebt hat und die es erst heute, da die Identitätskrise offensichtlich ist, überhaupt zu benennen fähig ist. Denn zwischen 1958 bis 1962, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, hatte die "Grande Nation" in nur vier Jahren sämtliche Kolonien verloren. Und obwohl die Bedeutung der Kolonien in wirtschaftlicher, demographischer und sozialer Hinsicht immens gewesen war, wurde ihr Verlust heruntergespielt. Das Paradox wirkte nach. Erst Dank des begonnenen Aufarbeitungsprozesses wird in Frankreich öffentlich ausgesprochen, dass die 132 Jahre dauernde Kolonialzeit und ihr blutiges Ende ein vergiftetes Erbe in Algerien hinterlassen haben. Anders gesagt: Frankreich trägt historisch eine Mitverantwortung für den Terror von heute. Eine symbolische Geste sei, so meinen viele, deshalb wichtiger als finanzielle Hilfe. Es sind nicht gerade die Franko-Franzosen, die das aussprechen, sondern diejenigen, deren biographischen Wurzeln im Maghreb liegen. ahouraari Addi beispielsweise, Soziologieprofessor aus Lyon, konstatiert, dass in Frankreich jetzt zwar über die Folter, nicht aber über das Kolonialsystem gesprochen werde. Letzteres, so vermutet er, werde von vielen Franzosen noch immer nicht als illegitime Herrschaft, sondern als "glorreiche zivilisatorische Mission" begriffen. In Algerien aber herrsche "Kontinuität zwischen Vergangenheit und Gegenwart", weil Folter und Exekutionen weitergehen. Bezeichnenderweise reagierten die algerischen Generäle mit Zurückhaltung auf die Folterdebatte auf der anderen Seite des Mittelmeers. Erstens, weil die Folter heute in Algerien "institutionalisiert" ist; zweitens weil einige von ihnen, damals Offiziere der französischen Armee, an der Bekämpfung des FLN selbst beteiligt gewesen sein sollen. Immer wieder wurde beklagt, es gebe keine Bilder von diesem Krieg, auch keine Orte der Erinnerung. Was das Kino angeht, trügt das Gefühl. An die 50 Filme hat der Historiker Benjamin Stora gezählt, die sich mit dem Thema auseinandersetzen. Sie kamen nur lange nach "den Ereignissen", was bis heute den Eindruck aufrecht erhält, dass es eine Krieg nicht nur ohne Name, sondern auch ohne Bilder war. Vierzig Jahre nach Ende der Schlacht von Algier soll es sogar ein Denkmal geben. Lionel Jospin, der die französische Linke in der peinlichen Situation des Abwiegelns belässt, hat angekündet, im nächsten Jahr am Pariser Quai Branly ein "Nationaldenkmal" zu errichten. Es soll, so absurd das klingt, als "Hommage" an die Soldaten der französischen Armee errichtet werden, die in Nordafrika gestorben sind. Und wie üblich wird wieder dieser Satz darauf stehen: "Morts pour la France". [ document info ] |
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www.algeria-watch.org
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