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"Kannten Sie das Wort Hilfe?"Der Prozess um die tödliche Hetzjagd von Guben wird dieser Tage fortgesetzt - ein Verfahren, das die Anwälte der Angeklagten in die Länge ziehen. Susanne Lenz, Berliner Zeitung, 20. Oktober 1999 COTTBUS, im Oktober. Der Zeuge duckt sich. Er zieht den Kopf zwischen die Schultern und beugt sich über den Tisch, bis sein Oberkörper fast die Tischplatte berührt. Siaka Kaba aus Sierra Leone ist 17 Jahre alt. Er wirkt sehr schmächtig in dem weiten Hemd, das er trägt. In der Nacht zum 13. Februar dieses Jahres ist Siaka Kaba hinter seinem algerischen Freund Farid Guendoul durch die zerbrochene Glasscheibe einer Haustür in Guben gekrochen. Guendoul hatte die Scheibe in der Tür des Plattenbaus eingetreten. Die beiden Freunde waren auf der Flucht vor einer Gruppe junger deutscher Männer, sie wollten sich im Flur des Hauses in Sicherheit bringen. Farid Guendoul verletzte sich so schwer an den Splittern der Scheibe, dass er im Hausflur verblutete. Er war 28 Jahre alt. Siaka Kaba war der letzte Zeuge, der Ende September im Prozess um die tödliche Hetzjagd in der deutsch-polnischen Grenzstadt gehört wurde. Seit Anfang Juni stehen elf 17 bis 20 Jahre alte junge Männer unter anderem wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht. Ende September wurde das Verfahren vor dem Cottbuser Landgericht unterbrochen. Einer der Angeklagten war erkrankt. Am kommenden Dienstag soll der Prozess nun wieder aufgenommen werden. Eine Urteilsverkündung war ursprünglich für den November geplant, doch nach dem schleppenden Verlauf des Verfahrens ist es ungewiss, wann der Prozess beendet wird. Im Treppenhaus, erzählt Siaka Kaba, sah er Blut. Es floss aus Farid Guendouls Bein, aus einer tiefen Wunde. Guendoul legte sich auf einen Treppenabsatz. Hinter den Wohnungstüren blieb es still. Guendoul bat Kaba, ein Taxi zu rufen. Als Kaba seinen Kopf durch die zerbrochene Scheibe schob, sah er draußen wieder die Verfolger. Er rannte die Treppe wieder hinauf. "Mein Freund lag da und war schon müde." Der Zeuge Siaka Kaba redet an diesem Prozesstag schon fast drei Stunden. Erst hat er seine Aussage gemacht, dann fragen die Richter, der Staatsanwalt, die vier Anwälte der Nebenklage und jetzt kommen die elf Verteidiger. Die jungen Männer auf der Anklagebank wirken so, als hörten sie gar nicht mehr richtig hin. Als ginge sie das, was hier verhandelt wird, nichts an. Zurückgelehnt sitzen sie hinter ihren Verteidigern. Manchmal flüstern sie miteinander und grinsen. Die Angeklagten sind zwischen 17 und 20 Jahre alt. Fast alle machen eine Berufsausbildung oder sind in einem so genannten berufsvorbereitenden Jahr. Ein paar von ihnen tragen die Haare millimeterkurz und kommen in Bomberjacken, einer erscheint immer im Jackett. Zwei der Angeklagten werden von der Polizei in Handschellen in den Saal geführt, sie sitzen in Untersuchungshaft. Ihnen werden weitere Straftaten vorgeworfen. In der Anklageschrift steht, dass sie einen 14 Jahre alten Jungen geschlagen, getreten und angepinkelt haben. Sie ließen ihn in einen Gully steigen und bewarfen ihn mit Steinen. Einen anderen verschnürten sie mit Klebeband, schlugen ihn und sengten ihm mit einem Feuerzeug die Haare an. Freispruch ist FreispruchDie elf Verteidiger der Angeklagten sind meist junge Anwälte aus Cottbus und Umgebung. Einer von ihnen, Wolfram Nahrat, war einst Bundesführer der Wiking-Jugend. Die rechtsradikale Organisation ist 1994 verboten worden. Vom ersten Prozesstag an konnte man beobachten, wie die Verteidiger versuchten, das Verfahren zu verzögern. Zu Beginn fast jeder Verhandlung haben sie Anträge gestellt oder Beschwerden vorgebracht. Befangenheitsanträge gegen den Vorsitzenden Richter Joachim Dönitz, Anträge auf Ausschluss der Öffentlichkeit, Anträge auf Ausschluss der Vertreterinnen der Nebenklage. Zwei Anwältinnen aus einer Kanzlei in Berlin-Kreuzberg vertreten die Mutter und einen Bruder von Farid Guendoul. Zuletzt haben die Antragsteller sogar die Identität des ums Leben Gekommenen in Zweifel gezogen. Malik Guendoul aber hat seinen toten Bruder zweifelsfrei erkannt, als die Leiche zur Beerdigung nach Algerien gebracht wurde. Einer der Anwälte spricht offen über die Taktik der Verteidigung. "Je länger man das Verfahren rauszögert, desto besser. Denn desto schlechter können sich die Zeugen erinnern", sagt Christian Nordhausen in einer Verhandlungspause. Ein anderer hat seinem Mandanten offenbar geraten zu schweigen. "Ist doch klar, dass man sich bei der schlechten Beweislage nicht zur Sache einlässt", sagt Olaf Wernicke, der Verteidiger von Ronny H. "Und ein Freispruch aus Mangel an Beweisen ist auch ein Freispruch." Der Vorwurf der fahrlässigen Tötung scheint den Verteidigern nicht haltbar. "Vergleichen Sie es mit dem Straßenverkehr", sagt Nordhausen. Wenn man in einer Tempo-30-Zone Achtzig fahre, müsse man damit rechnen, dass jemand über die Straße renne und man ihn tot fahre - das ist dann eine fahrlässige Tötung. "Gehen wir mal davon aus, dass es tatsächlich irgendwelche Verfolgungen gab. Muss ich dann damit rechnen, dass irgendjemand eine Tür eintritt?" Für fremdes Verhalten könne man niemanden verantwortlich machen, sagt Wernicke. Einer der Anwälte ist wesentlich älter als die übrigen. Den Zeugen stellt er Fragen, die nahe legen, dass er wirklich wissen will, was in dieser Nacht passiert ist. Den Anträgen seiner Kollegen schließt er sich meist nicht an. Sein Mandant Rene K. ist der einzige, der bisher ein Geständnis abgelegt hat. Es kam völlig überraschend, am vorletzten Verhandlungstag. Sie seien auf der Suche nach einem Schwarzen gewesen, sagt Rene K. Dieser und drei Vietnamesen hätten bei einer Schlägerei vor der Disco "Dance Club" einen "Kumpel" verletzt: Er sei "mit einer Machete aufgeschlitzt" worden, besagt das Gerücht, das in dieser Nacht in Guben die Runde macht. Rene K. und seine Kumpels machen sich in drei Autos auf die Suche nach dem Schwarzen. Unterwegs laden sie Pflastersteine ins Auto. Die fliegen später in die Fenster eines vietnamesischen Imbisses. Einer jungen Frau, die ihnen auf der Straße begegnet, kippt einer eine Dose Bier über den Kopf. "Wir kriegen euch, Hass, Hass, Hass", brüllen sie aus dem Auto, als sie Guendoul, den Afrikaner Kaba und ihren algerischen Freund Khaled Ben Saha auf der Straße entdecken. Mit quietschenden Bremsen halten sie an und springen heraus. Rene K. läuft dem Algerier Ben Saha hinterher. Der sei gestolpert und hingefallen. "Da musste ich lachen. Zwei-, dreimal habe ich dann gegen seinen Körper getreten." Als er ihn habe greifen wollen, habe Ben Saha sich wieder aufgerappelt und sei weiter gerannt. Auf der anderen Straßenseite stürzte er wieder. "Ich habe ihm noch einmal leicht in den Bauch oder den Rücken getreten", sagt Rene K. Doch dann habe er bemerkt, dass Ben Saha weder Schwarzer noch Vietnamese ist und von ihm abgelassen. Was seine Freunde gemacht haben, wer Farid Guendoul und Siaka Kaba verfolgt hat? Rene K. schüttelt den Kopf. Er wisse es nicht. Springerstiefel und IdeenDie Anwältin Christina Klemm vertritt Farid Guendouls Mutter im Prozess. Klemm und die anderen Vertreter der Nebenklage sprechen vor Gericht die möglicherweise rechtsradikale Einstellung der Angeklagten an. Klemm hält Rene K. vor, was er kurz nach seiner Festnahme im Februar der Polizei gesagt hat: "Meine Ideen und Anschauungen würde ich eher dem rechten Spektrum zuordnen." Vor Gericht will Rene K. das nicht wiederholen. Christina Klemm fragt, wie er und seine Freunde in dieser Nacht gekleidet waren. Die Verteidiger beanstanden die Frage. Dieses Ritual spielt sich jedes Mal ab, wenn die Anwältinnen der Nebenklage versuchen, die Zugehörigkeit der Angeklagten zum rechten Spektrum festzustellen. "Das Tragen von Springerstiefeln ist nicht strafbar", ruft der Anwalt Christian Nordhausen schließlich in den Gerichtssaal. "Die Nebenklage versucht einen Politkrimi aus dem Fall zu machen." Farid Guendoul liegt in jener Februarnacht auf dem steinernen Treppenabsatz und blutet. Noch einmal bittet er Siaka Kaba, ein Taxi zu rufen. Diesmal kriecht Kaba durch das Loch in der Tür nach draußen. Er hält ein Taxi an und steigt ein. Kaba spricht kaum Deutsch. "Mein Kollege kaputt", sagte er immer wieder. Er will ins Asylbewerberheim, doch der Taxifahrer setzt ihn an einer Kneipe ab. Die Verfolger sind dem Wagen gefolgt. Die Wirtin kann die angetrunkenen Männer kaum davon abhalten, in die Kneipe einzudringen. Sie ruft die Polizei. Ein Beamter beschreibt die Lage später als bedrohlich. "Das war eine Situation kurz vor dem Umschlagen, wo die Leute nicht mehr denken, sondern nur noch handeln." In Handschellen wird Kaba abgeführt. Für die Polizisten ist er der Schwarze mit der Machete. Er hat Blut an den Händen und ist schmutzig. Bis zum Nachmittag wird er auf der Wache festgehalten, vier Stunden lang sind seine Hände auf dem Rücken gefesselt. Farid Guendoul ist allein, als er im Treppenhaus stirbt. Einige Bewohner des Hauses sind wach, aber keiner von ihnen geht vor die Tür. Einer ruft schließlich die Polizei. Er habe Angst gehabt, die Wohnung zu verlassen, sagt er später. Etwa fünfzehn Minuten hat es gedauert, bis er tot war, sagt ein Gerichtsmediziner. Die Schnittwunde, die er sich zuzog, als er durch die zerbrochene Scheibe kletterte, war tief und lang. Man hätte das Bein abbinden müssen, um die Blutung zu stillen. Auch ein Laie hätte das tun können. Also auch Siaka Kaba, schlussfolgern die Verteidiger. "Wenn er ihm hätte helfen können, wird mein Mandant vielleicht nicht verurteilt", sagt Helmut Dittberner. Die Fragen, die er und seine Kollegen dem Zeugen Kaba stellen, folgen dieser Logik. "Warum haben Sie nicht versucht, die Tür mit der Klinke zu öffnen, statt durch das Loch hineinzukommen?" - "Ich weiß nicht." - "Haben Sie versucht, im Haus jemanden zu erreichen?" - "Nein, ich hatte Angst." - "Haben Sie die Klingeln gesehen?" - "Ich habe nicht darauf geachtet." - "Sie sagten, Sie hätten versucht, ihm zu helfen. Wie muss ich mir das vorstellen?"- "Ich habe nur versucht, seinen Fuß anzufassen, um zu sehen, wo die Verletzung ist." - "Haben Sie die Situation als ernst empfunden?" - "Ich konnte nicht ahnen, dass er sterben würde." - "Konnten Sie sehen, dass er viel Blut verloren hat?"- "Ja." - "Kannten Sie am 13. Februar schon das Wort Polizei oder das Wort Hilfe?" - "Nein." Kaba beginnt, verzweifelt zu schreien. Sein Dolmetscher bemüht sich, weiter zu übersetzen. "Immer nur sprechen, sprechen", ruft Kaba. "Nie geht es um die Gefühle." Dann weint er laut. Wieder krümmt er sich über dem Tisch zusammen. |
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